WEIHNACHTSBOTSCHAFT

Seiner Eminenz, des Erzbischofs Hiob von Telmessos, Exarchen des Ökumenischen Patriarchen,

an den Klerus, die Mönche und Gläubigen

des Erzbistums der russisch-orthodoxen Gemeinden in Westeuropa

 

In Christus geliebte Väter, Brüder und Schwestern,

Jahr um Jahr erfüllt das Herannahen des Festes der Geburt Christi die Gläubigen, die sich darauf vorbereiten, diesen Festtag würdevoll zu feiern, mit großer Freude. Und tatsächlich dürfen wir uns mit gutem Recht darüber freuen, denn die Prophezeiung Jesajas hat sich erfüllt: Heute « ist uns ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt » (Jes 9,5). Das Fest, das wir am heutigen Tag feiern, ist wirklich das Fest des sich verschenkenden Gottes – durch seine Fleischwerdung und durch seine Erniedrigung um das Leben der Welt willen. Genau das hebt der heilige Apostel Johannes der Theologe hervor, wenn er schreibt: « Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben hat. » (Joh 3,16). Ohne dieses Geschenk der Hingabe, das wir von Gott erhalten haben, wäre die Menschheit niemals fähig gewesen, Gott in angemessener Weise zu erkennen. Für den Menschen wäre es ohne dieses Geschenk zudem unmöglich, sich mit Ihm zu vereinigen in dem Maße, wie es die menschliche Natur vermag, und in das himmlische Reich zu gelangen.

Dies Geschenk, das der gesamten Menschheit hochherzig durch den barmherzigen Gott dargeboten wurde, verlangt seinerseits nach einer hochherzigen Antwort seitens der gesamten Schöpfung. An diesem Festtag ruft die Kirche in ihren Gesängen: «Was, Christus, legen wir vor dir nieder, der du als Mensch auf Erden erscheinst? Ein jedes deiner Geschöpfe bringt dir seinen Dank dar: Die Engel den Lobgesang, die Himmel den Stern, die Weisen die Gaben, die Hirten die Anbetung, die Erde eine Grotte, die Wüste eine Krippe, wir jedoch eine jungfräuliche Mutter. Du Gott vor aller Zeit, erbarme dich unser! » (4. Stichire des Luzernars). Und die Kirche hat bis zum heutigen Tag nicht aufgehört, hingebungsvoll Dank zu sagen, indem sie die Eucharistie feiert, während der sie Gott beim Gedenken an all das, was für uns im Heilsmysterium Christi geschehen ist, darbringt – all das, was Ihm gehört und von Ihm kommt « in allem und für alles ».

Das Geschehen jedoch, das wir heute voller Freude feiern, lädt uns mit seinem gesamten kosmischen und ewig andauernden Widerhall dazu ein, ganz konkret an jedem Tag unseres Lebens Antwort zu geben durch ein hochherziges Geschenk. Allem voran ist jeder von uns als Priester der Schöpfung dazu berufen, dem Schöpfer zu danken für das Geschenk der Schöpfung. Das bedeutet, dass wir die Welt, in der wir leben, als Geschenk Gottes erkennen sollen, für das wir dankbar sein müssen. Aus diesem Grund sind wir dazu eingeladen, ein « eucharistisches » und « asketisches » Leben zu führen. Denn die geschaffene Welt ist nicht unser Eigentum, sondern ein Geschenk, das wir von Gott erhalten haben. Das bedeutet ganz konkret, dass wir respektvoll und sorgsam mit der Schöpfung umgehen sollen, indem wir vermeiden, sie zu verschmutzen und verschwenderisch mit ihr umzugehen.

Andererseits wiederum sollten wir jeden Tag unseres Lebens ebenso hochherzig sein, indem wir in jedem Menschen, « geschaffen nach dem Bild Gott und ihm ähnlich » (Gen 1,26-27), das Bild Christi erkennen, der sich für uns hingegeben hat. Jedes Mal, wenn wir einen Menschen unterstützen, den wir in unserem Alltag begegnen, sei es durch unser Wohlwollen, unsere Hilfe, unsere moralische Unterstützung oder durch unsere materielle Zuwendung, antworten wir auf das hochherzige Geschenk des Mensch geworden Gottes. Denn Er selbst hat uns gesagt, « was immer ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan » (Mt 25,40).

Und schließlich ist es nicht unwichtig, auch die Kirche zu unterstützen, die der Leib Christi ist, die Weiterführung der Menschwerdung Gottes durch die Zeiten. Sie lässt in unserem Leben das Erlösungsgeheimnis Christi Gestalt annehmen durch ihre missionarischen Einsätze, vor allem aber durch die Feier der Mysterien, ohne die die geheimnisvolle Vereinigung mit Christus durch die göttliche Gnade nicht möglich wäre. Denn ohne unsere gemeinsame kraftvolle Mitwirkung und Unterstützung kann die Kirche diesen göttlichen Auftrag nicht wirksam erfüllen, der so wesentlich für die Welt ist.  

In Christus geliebte Väter, Brüder und Schwestern, ich wünsche einem jeden von Euch, dass die Freude dieses Festes wahrhaftig zu einem täglich erfahrbaren Widerschein der Menschwerdung Gottes in unserem Leben wird. Indem ich Euch meine besten Wünsche zum Geburtsfest Christi und zum Neuen Jahr ausspreche, erbitte ich für Euch alle den Segen des Mensch gewordenen Gottes und wünsche mir, dass ein jeder von uns mit dem heiligen Apostel Paulus sprechen kann: « Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. » (Gal 2,20)

 

+ Hiob, Erzbischof von Telmessos, Exarch des Ökumenischen Patriarchen

Paris, Kathedrale Saint-Alexandre-de-la-Néva,

am 25. Dezember 2014 / 7. Januar 2015