OSTERBOTSCHAFT

Seiner Eminenz Hiob, des Erzbischofs von Telmessos,

Exarch des Ökumenischen Patriarchen,

an den Klerus, die Mönche und die Gläubigen

der Erzdiözese der orthodoxen Kirche russischer Tradition in Westeuropa

 

 

Christus ist auferstanden!

 

Mit Freude ruft die Kirche zu Ostern in der Mitte der Nacht aus „das Licht in der Dunkelheit erstrahlt!“ und es ist richtig das so zu tun, weil der heilige Paulus, der Apostel der Völker, sagte: „Wäre Christus nicht erstanden, so wäre unsere Predigt nichtig und unser Glaube ebenso nichtig! (1. Kor 15:14) In dieser Osternacht singt die Kirche: „Auferstehungstag ist heut, lasst Licht uns werden all ihr Völker! Pascha! Pascha des Herren, den vom Tode zum Leben und von der Erde zum Himmel hat uns Christus, unser Gott, geführt, die wir das Siegeslied nun singen!“ (Osterkanon, 1. Ode)

 

Lasst uns nun alle freuen, denn der auferstandene Christus lädt uns ein, Seinen Weg einzuschlagen – Er, der „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist. (Joh.14:6) Oder genauer gesagt: Er begleitet uns auf unserem Weg, wird unser Reisebegleiter und führt uns zu seinem Königreich, so wie Er früher nach Seiner Auferstehung die beiden Jünger auf der Straße nach Emmaus begleitete. Denn das menschliche Leben ist nichts anderes als eine Pilgerschaft zum Reich Gottes, die uns durch den Tod Christi am Kreuz und durch Seine Auferstehung aus dem Grabe am dritten Tag eröffnet wurde, die uns durch die Taufe „vom Tode zum Leben und von der Erde zum Himmel“ hinübergehen lässt.

 

Diese Pilgerschaft mit Christus bedeutet als erstes sowohl für uns, als auch für die Jünger auf dem Weg nach Emmaus, das Wort zu hören und es zu befolgen. Das Wort Gottes hören ist nicht bloß eine intellektuelle Übung. Es reicht nicht, die Heilige Schrift wie ein normales Werk der Literatur zu lesen oder zu hören. Gottes Wort zu hören bedeutet auch es zu praktizieren, es in unser tägliches Leben einzuverleiben. Diese Übung ist sicher schwierig, aber nicht unmöglich. Wer das Wort Gottes in die Tat umsetzt, nähert sich Christus, und Christus nähert sich ihm, und das Wort unseres Erlösers gilt für ihn wie für die Apostel: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch habe ich Freunde genannt, weil ich euch alles mitgeteilt habe, was ich von meinem Vater gehört habe.“ (Joh.15:15)

 

Diese Nähe zum auferstandenen Christus, geschenkt durch unsere Taufe, findet ihre Erfüllung in der Eucharistischen Gemeinschaft, in der wir uns mit Ihm in innigster Weise vereinigen. Wie die Jünger zu Emmaus den auferstandenen Christus durch das Brechen des Brotes erkannten, werden wir wahrhaftige Glieder des kirchlichen Leibes, indem wir an der Heiligen Eucharistie teilnehmen, die uns -schon jetzt in dieser Welt!- den Unterpfand des ewigen Lebens in der Hoffnung auf das kommende Reich gibt. „O großes und heiliges Pascha, o Weisheit, Wort Gottes und Kraft, verleihe uns, o Christus, noch besser mit Dir vereint zu sein am abendlosen Tage Deines Reiches.“ (Osterkanon, 9. Ode)

 

Ein Glied der Kirche zu sein bedeutet also nicht nur ein Angehöriger einer Organisation, Institution oder einer Gruppe zu sein. Ein Glied der Kirche zu sein bedeutet jene Pilgerschaft in Gemeinschaft mit dem „vom Tode zum Leben und von der Erde zum Himmel“ führenden Christus auf sich zu nehmen. Es bedeutet, wie die Emmausjünger ein Freund Christi zu werden; Teilhaber am Wege der Errettung zu werden. Es bedeutet, sich vom Bösen abzuwenden und sich über die Leidenschaften zu erheben, welche uns von unserer Absicht, Sein Wort und Seine Gebote in die Praxis umzusetzen und regelmäßig die Heilige Eucharistie zu empfangen, zu trennen versuchen.

 

Solch ein Weg mit Christus kann nur in der Liebe begangen werden. Wahrlich, der Heiland hat uns das Gebot der Liebe hinterlassen als er sagte: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr untereinander Liebe habt.“ (Joh. 13:35) Niemand kann behaupten, ein Freund Christi, ein Jünger Christi zu sein, mit Christus zu gehen, wenn er seinen Nächsten hasst, Empfindlichkeiten und Trennungen im kirchlichen Leib kultiviert, oder seinen eigenen Interessen oder persönlichen Vorteilen den Vorzug gibt. Diese Pilgerschaft mit Christus bedeutet, den eigenen Egoismus in der Nächstenliebe um der Liebe Christi zu überwinden. Es bedeutet, letztendlich sich mit Ihm immer mehr auf inniger Weise in Seinem Reiche zu vereinigen.

 

In dieser Geisteshaltung, zu diesem Fest der Feste, dem Tag der Auferstehung, an dem uns die Kirche in Ihren Hymnen einlädt: „So lasset uns einander umarmen lasst Brüder uns sagen uns sagen auch zu denen, die uns hassen; ob der Auferstehung wollen wir uns alles verzeihen!“ lade ich euch ein, in Liebe unseren Egoismus beiseite zu legen, all unsere persönlichen Ambitionen zu überwinden, damit wir Christus treffen, der danach verlangt, unser Gefährte auf dem Weg des Heiles zu sein, der uns „zum Tage ohne Ende in Seinem Reiche“ führt. Mit diesen Gedanken entbiete ich euch den Osterkuss und wünsche euch, dass die Freude der Auferstehung alle Tage eures Lebens in eurem Herzen verbleiben möge.

 

 

+ Job, Erzbischof von Telmessos,

Exarch des Ökumenischen Patriarchen

 

Paris, an der Kathedrale des Heiligen Alexander Nevskij am 12. April 2015