OSTERBOTSCHAFT

Seiner Eminenz des Erzbischofs Hiob von Telmessos,

Exarch des Ökumenischen Patriarchen

an den Klerus, die Mönche und die Gläubigen

des Erzbistums der russisch-orthodoxen Gemeinden in Westeuropa

 

Lasst uns die heilige Auferstehung Christi verehren;

denn durch das Kreuz kam die Freude in die ganze Welt…“

 

 

Liebe Väter, in Christus geliebte Brüder und Schwestern,

 

Christus ist auferstanden!

 

Erneut hat uns der Herr gewürdigt, sein Pascha zu feiern, die Feier der Feiern, das Fest der Feste, das Fundament unseres Glaubens, denn wie der Apostel Paulus ganz zu Recht bekräftigt: „Wenn Christus nicht auferstanden ist, dann ist unser Glaube sinnlos.“ (vgl. 1Kor 15,14). Dieses Fest erfüllt uns deshalb wahrhaftig mit Freude, es nimmt uns die Angst, lindert unser Leid und vertreibt unsere Traurigkeiten.

 

Und doch lässt sich die Freude, die heute dem leeren Grab entspringt, nicht vom Kreuz trennen, das auf Golgotha stand. Daher kann der Christ nicht mit dieser geistlichen Freude erfüllt werden, wenn er nicht bereit ist, sein Kreuz zu tragen. Das christliche Leben ist wirklich ein Leben, das sich  auf das Kreuz und die Auferstehung gründet, beginnend mit unserer Taufe, in der wir persönlich am Tod und an der Auferstehung Christi teilgenommen haben. Daran erinnert uns der Apostel Paulus, wenn er schreibt: „Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus […] von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben.“ (Röm 6,3-4). Und der Hl. Kyrill von Jerusalem erinnert uns daran, dass „Christus wirklich gekreuzigt und wirklich begraben wurde, dass er wirklich auferstanden ist. Diese Gnadenfülle aber wurde uns geschenkt, damit wir durch die Teilnahme an seinen Leiden und durch ihre Nachahmung wirklich das Heil erlangen.“ (Mystagogische Katechese II,5). Wenn wir unsere Taufe ernst nehmen, dann wird unsere Persönlichkeit zutiefst gewandelt, denn die Taufe hat, indem sie den Tod und die Auferstehung Christi an uns wiederholt, indem sie uns mit ihm, „der geeinten Person der Menschheit“ vereinigt, in uns das wahre Menschsein erneuert.

 

So erscheint Christus für uns Christen als ein wirkliches Vorbild. Doch die Freude der Auferstehung kann man nicht teilen, ohne um die Mühsal der Kreuzigung zu wissen. Wenn Christus uns einlädt, ihm nachzufolgen, dann sagt er uns, dass wir unser Kreuz auf uns nehmen müssen (vgl. Mk 8,34). Und am Abend vor seinem Leiden, als er in Gethsemani betete „… doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ (Lk 22,42), gibt er sich uns hin als „ein Beispiel und Modell der Zurückweisung unseres eigenen Willens und der Erfüllung des Willens Gottes“, wie es der hl. Maximus der Bekenner formuliert. Dadurch fällt das Christentum eben nicht in eine Haltung der Schmerzverklärung oder versucht, das Leid in der Welt zu rechtfertigen, sondern es erinnert uns daran, dass „durch das Kreuz die Freude in die ganze Welt kam.

 

Wir leben in einer Welt, die so von Krisen geschüttelt wird, seien sie nun politischer, ökonomischer, ökologischer, moralischer oder geistlicher Art, in einer Welt, die unter Armut, Umweltverschmutzung, Antagonismus, Gewalt oder Krieg leidet, dennoch sind uns die Freude und das Licht der Auferstehung nicht gleichgültig, sofern wir bereit sind, unser Kreuz zu tragen. Sein Kreuz auf sich nehmen bedeutet, sich selbst zu verleugnen, auf seine Wünsche, seine Phantastereien, seine Leidenschaften, seine Ideologien und seinen eigenen Willen zu verzichten. Es heißt, Gott, seinen Geboten und seiner Kirche bereitwillig zu gehorchen. Es heißt auch, Arroganz, Eigenliebe und Hochmut aufzugeben, um Demut, Geduld, Entsagung und aufopfernde Liebe allen gegenüber anzunehmen, ohne die kein christliches Leben  möglich ist.

 

An diesem strahlenden Fest der Auferstehung gebe ich Ihnen, liebe Väter, in Christus geliebte Brüder und Schwestern, den Osterkuss weiter. Ich bitte den Auferstandenen, uns die Kraft, den Mut und die Geduld zu geben, das Kreuz unseres christlichen Lebens tagtäglich zu tragen, auf dass in uns durch das Kreuz die geistliche Freude überquellen möge, uns zu den Jüngern Christi zählen zu dürfen, damit auch wir sagen können:

 

Der Herr ist wahrhaft auferstanden! (Lk 24,34)

 

+ Hiob, Erzbischof von Telmessos, Exarch des Ökumenischen Patriarchen

Paris, Kathedrale des hl. Alexander Nevsky,

am 20. April 2014