Brief S. Eminenz des Erzbischofs Gabriel
an alle Kleriker und Gläubigen des Erzbistums 

 

Ehrwürdige Väter,
liebe Brüder und Schwestern,
all ihr Kinder der geistigen Herde, die Christus mir anvertraut hat!

Ich muss Euch eine schwerwiegende Entscheidung mitteilen. Wir Ihr wisst, bin ich so schwer erkrankt, dass mir der Krankheitsverlauf kaum Gelegenheit gibt, mich zu erholen. Ich weiß, dass es sehr schwer ist, dieses Übel, das mich quält, zu überwinden, auch wenn Gott selbst uns gezeigt hat, dass das Leiden eine Quelle des Lebens sein kann. Gleichwohl habe ich auf Grund der Erschöpfung und des Leidens, in dem ich mich befinde, nicht mehr die Kraft, meinen erzbischöflichen Dienst zu versehen - und so bitte ich wie der greise Symeon den Herrn: „Lass Deinen Knecht in Frieden ziehen!" (Lk 2,29)

Nachdem ich den Rat des Erzbistums informiert hatte, habe ich Seine Heiligkeit Patriarch Bartholomaios darum gebeten, mich von meinen bischöflichen Pflichten zu dispensieren und mir zu erlauben, mich in den Ruhestand zu begeben und mich in mein Haus in Maastricht zurückzuziehen, um dort weiterhin meine Krankheit behandeln zu können, die vollständige Ruhe zu genießen, zu der mir die Ärzte geraten haben, und mich dem Gebet hinzugeben, das mein einziger Trost geblieben ist.

Es fällt mir schwer, mich von Euch zu verabschieden, besonders deshalb, weil nicht alle von Euch bereit sein werden, meinen Abschied zu akzeptieren. Wahrscheinlich werde ich etliche von Euch durch meinen Rücktritt enttäuschen. Doch seid überzeugt, dass ich alles, was ich tue, zu dem Ziel tue, der Kirche, und d. h. konkret, dem Erzbistum, zu nutzen. Ich hoffe, dass Eure Liebe und Euer Mitleid es Euch erlauben, eine Entscheidung zu akzeptieren, die jetzt nicht mehr zu ändern ist.

Nun, da ich das Amt, das ich dank des Willens des Herrn, dank Eurer Wahl und dank der Zustimmung Seiner Heiligkeit des Ökumenischen Patriarchen und seiner Heiligen Synode empfangen hatte, abgebe, sind nahezu zehn Jahre vergangen, und ich gedenke Euer aller, mit denen zusammenzuarbeiten ich die Freude hatte: der Priester, der Diakone, der Mönche und Mönchinnen ebenso wie der Laien in ihrer Gesamtheit. Während dieser langen Jahre sind Bindungen unter uns gewachsen; inmitten von Schwierigkeiten habe ich Anlässe zur Freude und vielfältige Tröstungen erfahren. In diesem Augenblick innerer Bewegung ist die stärkste Empfindung in mir ein Gefühl der Zuneigung und der Dankbarkeit.

Ich danke dem Herrn dafür, dass er meinen erzbischöflichen Dienst mit seiner überfließenden Liebe behütet hat. Selbst in dieser Prüfung, die zu durchleben mir aufgegeben ist, betrachte ich mich wie jenen „Jünger, den der Herr liebte“, denn, wie der hl. Apostel Paulus es sagt: „Meine Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung“ (2 Kor 12,9). Diese Liebe in Christus hat sich auf eine lebendige und konkrete Weise vor allem durch Euch, geliebte Brüder und Schwester in der Nähe und In der Ferne, manifestiert - durch Euch, die Ihr meine Freuden geteilt und meine Leiden mitgetragen habt. Wir haben zusammen so vieles erlebt. Wir haben zusammen gebetet. Wir haben zusammen gearbeitet für unsere gemeinsame Erleuchtung und Heiligung. Gemeinsam haben wir im Herrn gehofft, zusammen haben wir uns In Jesus Christus einander verbunden und so schon heute, hier und jetzt, die heilige Kirche des lebendigen Gottes erbaut.

Ich danke Gott zuerst für Euch Priester, meine Brüder und Konzelebranten am Tisch des Herrn. Ihr alle habt einen Platz in meinem Herzen. Ihr seid die Lebenskraft unserer Diözese, denn Ihr erbaut sie täglich, auf dass sie ein lebendiger, harmonischer Organismus sei, in dem wir mit einer Stimme und einem Herzen den herrlichen und erhaben Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes besingen.

Ich danke dem Herrn auch für die Mitarbeiter meines Vertrauens, die mir diskret, aber tatkräftig und beseelt vom Geist des Dienens und der Selbsthingabe in all diesen Jahren geholfen haben und zur Seite gestanden sind, sei es im Rat des Erzbistums, sei es in der Diözesanverwaltung, sei es in der Kathedrale, im Theologischen Institut des hl. Sergius, in den Gemeinden, in den Dekanien in Frankreich ebenso wie in den anderen Ländern.

Endlich danke ich dem Herrn selbst für Euch alle, meine Brüder und Schwestern, geliebte Gläubige des Erzbistums, mit denen ich immer so gern diskutiert, Pläne geschmiedet, Augenblicke freundschaftlichen Zusammenseins geteilt habe. Dazu gehören alle diejenigen, denen ich irgendwann anlässlich meiner zahlreichen pastoralen Besuche im Erzbistum, quer durch all die vielen Länder Westeuropas, in denen wir Gemeinden und Kommunitäten haben, begegnet bin. Ich bin Euch dankbar, und wie der Apostel „lasse ich nicht ab, für euch zu danken, wenn ich in meinen Gebeten an euch denke“ (Eph 1,16).

Und da wir von Dankbarkeit und Liebe sprechen, wie sollten wir da nicht auch die Vergebung erwähnen! Ich bin mir dessen bewusst, dass einige während öffentlicher Aussprachen oder privater Gespräche sowie anlässlich pastoraler Entscheidungen verletzt oder betrübt sein könnten: Das Wort der Wahrheit und der Treue zur Tradition der Kirche ist nicht immer willkommen. Das bedeutet Leiden für den, der es hört, und auch für den, der es ausspricht. Ich könnte mich manchmal auch getäuscht haben, denn keiner unter uns ist unfehlbar, nicht einmal Euer Bischof. Aber auch im Bewusstsein meiner eigenen Schwächen bitte ich Gott und Euch alle um Vergebung für das, was Euch möglicherweise Schaden zugefügt hat. Ich bitte Euch, mir meine Fehler und Unterlassungen zu verzeihen. Ich bitte Euch auch, in meinem Namen denen zu verzeihen, die uns gekränkt haben. Wir akzeptieren weder das Böse, noch die Sünde, insbesondere nicht die Sünde gegen die Kirche, doch wir sind verpflichtet, denen zu verzeihen und für die zu beten, die sich verirrt haben, damit sie wieder zum rechten Weg zurückfinden. Der barmherzige Vater gewähre uns, in Frieden und Versöhnung von Euch zu scheiden.

Der Augenblick ist gekommen, mich von Euch zu trennen. Wie könnte ich alles sagen, was ich auf dem Herzen habe? Ich bin davon überzeugt, dass mein Abschied dem Willen Gottes entspricht und dass er mit der Hilfe des Herrn sowohl Euch wie auch mir zum Guten gereichen wird. Jenseits aller Schwierigkeiten bewahrt stets das Vertrauen und die Hoffnung auf das Wort Gottes, das das Unterpfand und die Stärke unserer Kirche ist. Die Freiheit der Kirche und die Universalität des orthodoxen Glaubens sind die beiden Schätze, die ich nach dem Vorbild meiner Vorgänger an der Spitze dieses Erzbistums zu bewahren mich bemüht habe. Und das, damit wir imstande sind, uns auf das zu konzentrieren, was in den Augen der Jünger Christi das „einzige Notwendige“ ist: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“, wie es uns der Herr selbst geboten hat (Mt 6,33). Mein letzter Wunsch für Euch ist es, Euch zu bitten, Eure Liebe und Eure Einheit zu bewahren. Das ist der kostbarste Schatz unserer Kirche. Der Herr „gebe Euch den Geist der Weisheit“ und „erleuchte die Augen Eures Herzens, damit Ihr versteht, zu welcher Hoffnung Ihr durch ihn berufen seid“ (Eph 1,17-18).

Gott stehe uns bei und erbarme sich unser! Der Friede des Herrn sei allezeit mit Euch! Empfangt meinen Segen!

Paris, den 8. Januar 2013

+ Gabriel, Erzbischof von Komana