Ein panorthodoxes Ereignis

Der 15. Orthodoxe Kongress
in Westeuropa
Bordeaux, 30. April – 3. Mai 2015

 

Vom 30. April bis zum 3. Mai 2015 fand in Bordeaux unter der Schirmherrschaft der « Assemblée des Évêques Orthodoxes de France (AEOF) », der Orthodoxen Bischofskonferenz Frankreichs, der 15. Orthodoxe Kongress in Westeuropa statt. Es ist das fünfzehnte Mal seit dem ersten Treffen von 1971, dass sich Teilnehmer aus unterschiedlichen Diözesen Westeuropas und darüber hinaus zusammenfinden konnten. Etwa 600 Gläubige haben zusammen darüber nachgedacht, was das Leben der Christen ausmacht, die « ganz in der Welt, aber nicht von dieser Welt » sind. In vier Vorträgen im Plenum, drei Diskussionsrunden und etwa dreißig Arbeitskreisen konnte diese Frage vertieft werden. Es gab gemeinsame Gebetszeiten, sowie eine Abendveranstaltung zu Ehren des verstorbenen Vaters Cyrille Argenti.

Mit einer Göttlichen Liturgie wurde der Kongress am 1. Mai eröffnet. Sie gab gleichzeitig den Grundton der gesamten Veranstaltung vor als ein Treffen von Gläubigen unterschiedlichster Herkunft und Prägung, deren Einheit am eucharistischen Tisch grundgelegt ist. Nicolas Behr begrüßte im Anschluss alle Teilnehmer im Namen der Orthodoxen Fraternität in Westeuropa, die den Kongress organisiert hatte. Grußbotschaften von mehreren Bischöfen, die an der Teilnahme verhindert waren, konnten verlesen werden: Metropolit Emmanuel von Frankreich, der Präsident der AEOF, der orth. Bischofskonferenz, unterstrich besonders, dass der Christ dazu berufen ist, Mittler zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren zu sein. Metropolit Athenagoras von Belgien erinnerte in einem langen und herzlichen Schreiben an die Kongressteilnehmer daran, dass er an allen vorhergehenden orthodoxen Kongressen teilgenommen hat, die er als « Orte ungeahnter Erfahrungen und ungemein bereichernd » wahrgenommen hat, und dass seine Person durch die « bedeutenden Persönlichkeiten geprägt wurde », denen man auf ihnen begegnen konnte. Erzbischof Hiob (Exarchat der Gemeinden russischer Tradition) betonte die panorthodoxe Dimension eines solchen Treffens und rief die Teilnehmer dazu auf, « konstruktive Elemente » der Kirche zu sein.

Der erste Sprecher, Vater Jean Gueit, Rektor der Pfarrei Saint-Hermogène (Marseille), emeritierter Professor der Rechtswissenschaft (Universität von Aix-en-Provence) und Seelsorger der Orthodoxen Fraternität, richtete in seiner Reflexion den Blick auf das Väterwort « Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde ». Er verwies auf die Problematik des Kongresses, indem er aufzeigte, dass das Funktionieren der Menschheit geprägt ist von polarisierten Konfliktpotenzialen, die immer gewalttätiger und todbringender werden. Einzig die Ausarbeitung des Rechtssystems und die Aufrichtung einer politischen Macht machen das Leben in einer Gesellschaft möglich. Gott jedoch steht über diesem Konfliktschema, da er uns mit uns selbst und mit dem Kosmos versöhnt. Vater Jean schloss seinen Vortrag, indem er die befreiende Kraft des Heiligen Geistes betonte, die sich jeglicher Form von Autoritarismus entgegenstellt: die Kirche ist kein fesselndes Joch, sondern der Leib des auferstandenen Christus.

Am Nachmittag konnte die zweite Vollversammlung Professor Assaad Kattan (Universität Münster) in ihrer Mitte begrüßen. Er ist Laientheologe des Patriarchats von Antiochien, Spezialist für die Interpretation der Kirchenväter und des Dialogs von Christentum und Islam. In seinen Ausführungen mit dem Titel « Für eine orthodoxe Theologie wider die Kapitulation » rief Assaad Kattan zu einer schöpferischen Erneuerung der Theologie auf, die es erlaubt, Brücken zu bauen zwischen der aktuellen postmodernen Realität und der Realität des kirchlichen Lebens. Der Theologe unterstrich drei Aspekte: die Notwendigkeit der Rückkehr zu einer dynamischen Interpretation der kirchlichen Tradition, die es gestatten würde, unter gewissen Übergangsformen das Wesen der Botschaft hervorzuholen; die Wichtigkeit einer theologischen Herangehensweise, die den Verstand aufwertet; und schließlich die Dringlichkeit zur Entwicklung eines neuen Lesemodus von Texten auf der Grundlage der Tradition.

In einer Reihe von Arbeitskreisen konnten die Teilnehmer dann über so unterschiedliche Fragestellungen nachdenken, wie etwa die Beziehung zwischen Psychotherapie und geistlicher Vaterschaft, die Weitergabe des Glaubens in der Familie, das Leben des Christen im Arbeitsumfeld, der Dialog von Islam und Christentum usw. Am Abend rief eine Gedenkfeier für Vater Cyrille Argenti, vor allem durch persönliche Erinnerungen, ins Gedächtnis, wie sehr dieser Mitgestalter der Orthodoxen Fraternität und glühender Vorkämpfer einer französischsprachigen Orthodoxie und eines ökumenischen Dialogs vor allem auch ein großer und authentischer Hirte war, der sich bemühte, die zahlreichen Menschen zu Christus zu führen, die ihn um Hilfe baten.

Nach dem Morgengottesdienst eröffnete die dritte Vollversammlung den zweiten Tag des Kongresses (am 2. Mai). Metropolit Stéphane, Ersthierarch der orthodoxen Kirche Estlands, fragte sich in seiner sehr dichten Betrachtung, wie die Christen, vor allem die orthodoxen, wegweisende Haltepunkte ausmachen könnten in der westlichen Welt, die sich im Niedergang befindet, und dem aufsteigenden Fanatismus im Nahen Osten und in Afrika. Er vermochte aufzuzeigen, dass dieses Spannungsfeld der Nährboden für eine erneute authentische Begegnung der Welt mit dem Evangelium sein kann. Er unterstrich hingegen auch, dass « einzig eine Pastoralarbeit  der 'communio' die säkularisierte Gesellschaft wird berühren können », indem sie den Menschen eine geheime Wirklichkeit wiederentdecken lässt, die nur in der Kontemplation erkannt werden kann und auch nur dann, wenn der Gesellschaft ihr Auftrag zur Liebe in Erinnerung gerufen werden kann.

Weitere Arbeitskreise folgten auf diese Konferenz, worauf am frühen Nachmittag ein interreligiöses Gebet für die verfolgten Christen im Orient stattfand. Dazu trafen sich neben den Teilnehmern des Kongresses unterschiedliche Vertreter der Religionen, so der katholische Weihbischof von Bordeaux, Laurent Dognin, und der Vertreter des Bürgermeisters von Bordeaux und Präsident des jüdischen Konsistoriums von Aquitanien, Erick Aouizerate. Sie alle vereinte ihr inständiges Gebet für die Märtyrer unserer Zeit. Eine Kollekte konnte mehr als 3000 Euro sammeln, die einem Zweig des MJO (Bewegung der orthodoxen Jugend) im Libanon und in Syrien zugute kommen, um in einer syrischen Diözese eingesetzt zu werden, die besonders von den Kämpfen betroffen ist.

Drei Gesprächsrunden fanden im Anschluss gleichzeitig statt. Die erste stand unter dem Titel « Was ist vom kommenden panorthodoxen Konzil zu erwarten? ». Sie wurde moderiert von Michel Stavrou (Institut Saint-Serge), unter Mitwirkung von Vater Dimitrios Bathrellos (Athen), Pierre Sollogoub (Fraternité orthodoxe en Europe occidentale) und Vater Alexis Struve (Nantes, Kiew). In der Gesprächsrunde konnten Fragen zur Vorbereitung des künftigen panorthodoxen Konzils geklärt werden und zu den Erwartungen, die damit verknüpft sind. Die intervenierenden Teilnehmer stellten fest, dass nur wenige Informationen unter das Volk Gottes gebracht werden und dass nur schwach im Bewußtsein verankert sei, wie wichtig dieses Ereignis eigentlich ist. Die zweite Gesprächsrunde stand unter dem Titel « Zeitgenössische Psychologie und Kirchenväter » und wurde geleitet und in englischer Sprache geführt von Diakon Michael Bakker (Pays-Bas). An ihr nahmen teil: Christine Artiga, Psychotherapeutin aus Bordeaux, Silouane Deutekom (Orthodox Peace Fellowship) und Matthieu Sollogoub, Professor der Molekularchemie an der Universität Pierre-et-Marie-Curie, Paris VI). Als dritter Gesprächskreis wurde eine Runde zum Thema « Aktuelle Fragen der Ethik » angeboten, die von Vater Christophe D'Aloisio (Institut Saint-Jean-le-Théologien, Brüssel) moderiert wurde. Es nahmen daran teil Bischof Johannes von Chariopolis (Genf, Paris), Dr. Denys Clément (Paris) und die Psychologien Natalie Victoroff (Paris). An diesem Runden Tisch wurden einige ethische Fragen angesprochen, wie etwa der medizinische indizierte Abbruch der Schwangerschaft, das Lebensende, die Sexualität usw. In dieser Runde war die Möglichkeit geboten, in Erinnerung zu rufen, das Leben nicht zu Lasten der Person zu sakralisieren und dass die Ausbildung der Geistlichen, wie auch der Gläubigen unumgänglich ist, damit die Kirche den ethischen Herausforderungen der Gegenwart die Stirn bieten kann. Mit den feierlichen Vigilien, gesungen in englischer, französischer, rumänischer, arabischer und griechischer Sprache, schloss dieser zweite Tag.

Am Sonntag, 3. Mai, dem dritten Kongresstag, stand Metropolit Stéphane von Estland der Göttlichen Liturgie vor. Mit ihm konzelebrierten Bischof Marc von der rumänischen Metropolie, der auch eine schöne Homilie über die Heilung des Gelähmten hielt, und Bischof Johannes von Chariopolis (Ökum. Patriarchat). Am Schluss dieser Feier mit pfingstlichem Gepräge nannte Metropolit Stéphane diesen Augenblick einen Höhepunkt des Kongresses und ließ die Versammlung der westeuropäischen Orthodoxen an seiner Rührung teilhaben, eine Versammlung, der er nach eigenen Worten zutiefst geistlich verbunden ist und deren Freuden und Leiden er als die seinen ansieht.

Die letzte Konferenz vor der Vollversammlung wurde gehalten vom griechischen Laientheologen Thanasis Papathanassiou. Er sprach über das Thema « Wenn der Götzendienst verführt und zu einer Kirche ohne Sendung führt ». Sein Vortrag war ein Aufruf dazu, intensiv auf den Heiligen Geist zu hören, damit das christliche Leben zu mehr werden kann, als ein simples Befolgen von Riten. Der Theologe unterstrich die Gefahr, zu glauben, dass der lebendige Gott sich in der Kirche besitzen ließe, dass dadurch der Glaube in Götzendienst verwandelt würde und die Priester zu einer Kaste gemacht würden, die allein die Kirche verwalten. Wichtig sei, sich immer daran zu erinnern, dass die lex credendi (das Glaubensgesetz) und die lex orandi (die Art und Weise des Betens) ihre Grundlage finden in der lex sequendi: dem Ruf, dem « nackten Christus nachzufolgen » (hl. Kolumban). Denn der Menschen ist dazu berufen, ein Abbild Gottes zu sein, nicht ein Götzenbild. Es sind nicht die steinernen Altäre, die wichtig sind, sondern die lebendigen Altäre.

Die drei Tage der Reflexion, des Dialogs, des Gebets und des Austauschs – vor allem auch mit Metropolit Stéphane von Estland, Bischof Johannes von Chariopolis (Ökumen. Patriarchat), Bischof Marc von der rumänischen Metropolie in Bordeaux und Bischof Nestor vom Moskauer Patriarchat, Paris – waren Tage eines tiefempfundenen brüderlichen Beisammenseins. Sie haben eine wirkliche kirchliche Gemeinschaft und 'communio' erfahrbar werden lassen, im Respekt vor der bereichernden Verschiedenheit der Personen und ihrer vielfältig miteinander verknüpften Verankerungen in den kirchlichen Jurisdiktionen, ohne dass ihre je eigenen Lebensentwürfe ihre Einheit in Christus in Frage stellt. Die Auferstehungsfreude war allgegenwärtig auf dem Kongress, ohne dass die Realität der Christen im Herzen der Welt aus den Augen verloren wurde. Jeder ist eingeladen, auf seine Art dieser Freude Ausdruck zu verleihen, wenn er in seinen Alltag zurückkehrt. Die Kongressakten mit den Konferenztexten, den Gesprächs- und Arbeitskreisergebnissen werden in naher Zukunft in der orthodoxen Zeitschrift Contacts (www.revue-contacts.com) veröffentlicht. All jene, die diese Zeitschrift nicht abonniert haben, können den Band schon jetzt vorbestellen bei: Revue CONTACTS, 61 allée du Bois du Vincin, 56000 Vannes, unter Beifügung eines Schecks über 13 Euro.



Hier finden Sie Impressionen zum Kongress


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https://picasaweb.google.com/103987586442764913923/201404300503CongresOrthodoxeDEuropeOccidentalePhotosVeroniqueBouyal?authkey=Gv1sRgCMXUo5b-86ynvwE


https://picasaweb.google.com/103987586442764913923/201530040503CongresOrthodoxeDEuropeOccidentaleBordeauxPhotosJeunesReporters?authkey=Gv1sRgCOboh-eTjZOwvgE