Weihnachtsbotschaft
von Bischof Jean von Chariopolis

 

Wir sind bereits in die Vorbereitungszeit auf Weihnachten eingetreten, die Zeit der Ankunft (Advent) hat begonnen und wir wenden uns nun der Feier jenes Ereignisses zu, das den Lauf der Welt für immer veränderte: Der Geburt Gottes im Fleische. Dieses Geheimnis können wir jedoch nur im Glauben und nicht mit Hilfe unseres Verstandes erfassen. Wer es jedoch mit seinem Herzen zu fassen vermag, der trifft dann auch gleichzeitig ein in die Wahl für eine Ganzhingabe seines Lebens. Jedoch wurde Christus weder in Rom noch in Athen geboren. Auch erwählte Er sich weder Macht noch Reichtum. Nicht einmal Jerusalem, die „Stadt”, wo Gottes Gegenwart den Tempel erfüllte, wählte Er sich zum Geburtsort. Der Ort, der den ersten Atemzug des menschgewordenen Gottes hörte, war ein armseliger Stall zu Bethlehem. Da auch wie wir durch diese Wahl Christi gleichsam zu Mitbürgern Bethlehems geworden sind, so sind auch wir aufgerufen, uns selbst der Demut und Armseligkeit jener Höhle anzunähern. Denn Gott machte dieses unbedeutende und den Menschen unbekannte Dorf zum dem Ort schlechthin, wo seine Erlösung begann. Er erwählte, was arm und gleichsam nichts, aber deshalb in besonderer Weise dem Menschsein gemäß  war, um zu verkünden, dass Er, Gott der Schöpfer, den Menschen gleich sein wollte. Er trat in ihr Leben ein und nahm auf Sich alle Ängste, Sorgen, Armut und alles Leid der unbedeutenden Menschen, die wir alle sind. Diese Geburt in der Höhle, jenes Stroh, diese uns zur Demut gemahnenden Tiere - jene beiden armen Kreaturen, die das Kind betrachten - gemahnen uns an Den, den die Engel verkündeten als den „Erlöser, der Euch geboren wurde.“

 

Die Geburt Jesu in Bethlehem ist jedoch nicht nur ein zeitliches Ereignis, verloren in den Tiefen der Geschichte, das mich, den Menschen des 21. Jahrhunderts nicht mehr persönlich betrifft. Die Weihnachtsbotschaft wendet sich nicht an die Menschheit an sich (dann wäre sie bedeutungslos), sondern an jeden von uns persönlich als einer menschlichen Person. Sie berührt jeden in einer einzigartigen, außergewöhnlichen Art und Weise. Denn sie wendet sich an mich mit den Worten: „Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich verkündige euch große Freude… Denn euch ist heute der Retter geboren (Lukas 2: 10-12). Jedem einzelnen von uns gilt diese Verkündigung der Freude. Ich bin es, für den der Heiland geboren wurde. So ist Weihnachten eine Gabe an jeden von uns. Und ein jeder von uns sollte sich bemühen, diese Gabe mit Glauben und Dankbarkeit zu empfangen.

 

Die Geburt Christi in der Einfachheit der Höhle und der Krippe verkünden ohne Worte, dass Gott zur Gemeinschaft der Ärmsten, der Unbedeutendsten auf Erden, gezählt werden möchte. Und so ist Er auch zu finden unter den Armen in dieser Welt, deren Zahl weiter im Anwachsen begriffen ist, den Kranken, Gefangenen, Fischern und leidenden Seelen. Der echte Christ verlangt danach, arm mit Jesus anstelle reich ohne Jesus zu sein. Er zieht es vor. in der Höhle mit Jesus, Maria und Joseph zu bleiben anstelle in einer Herberge zu sein, wo für ihn kein Platz ist, wenn er offenbart, wer er ist. Dem entspricht das Wort Jesu an seine Jünger, dass jeder, der Ihn lieben wolle, wissen muss, dass er in dieser Welt keinen Platz hat, weil auch „der Menschensohn keine Platz hat, wohin er Sein Haupt legen könnte“ (Lukas 9.58). Die Geburt Christi ist das Fest des mystischen Leibes aller Getauften, weil durch die Menschwerdung der Menschen Teilhaber an Christus werden kann. Der heilige Apostel Paulus hatte dies erkannt als er an die Korinther schrieb: „ denn ihr seid der Leib Christi; alle seid ihr Glieder an Ihm (1 Kor, 12-27.). Auch glauben wir, dass durch die Inkarnation Gottes im Fleisch, eine mit Worten nicht zu beschreibende Gemeinschaft zwischen Jesus und den Menschen entstand. Denn über das historische Ereignis hinaus, das damals in Bethlehem stattfand und durch welches der Sohn Gottes einen sichtbaren, menschlichen Leib annahm, fand gleichzeitig ein die gesamte Menschheit betreffendes Ereignis statt: Dadurch, dass Gott Mensch wurde, vereinigte Er sich mit uns und nahm unsere menschliche Natur an. Dadurch wurden wir zu Teilhabern an Ihm. Er schuf zwischen uns eine Verbindung, die uns – ohne das Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf aufzuheben, zu Gliedern Seines Leibes werden ließ. So gibt es zwischen den beiden Naturen (Christi) eine Gemeinschaft ohne Verwechselung. Die Geburt Christi erlaubt uns das Wesen unser eigenen (menschlichen) Natur tiefer zu verstehen: Eine menschliche, jedoch durch Jesus Christus erneuerte Natur, wie es durch den heiligen Leo den Großen herausgestellt worden ist: „Christ, erkenne deine Würde und bedenke, dass du der göttlichen Natur teilhaftig geworden bist. So weise zurück jede Rückkehr zur alten Niedrigkeit durch die Begehung verwerflicher Taten. Sei eingedenk des Hauptes und des Leibes, an welchem Du Teilhaber geworden bist“. (Homilie zum Fest der Geburt Christi).

 

So wird das Wort Fleisch in uns. Auch wir werden gleichsam zu einem Ort der Empfängnis. Diese tritt in unser Exsistenz (unser Sein) ein und verwandelt diese. Möge die Kraft des Wortes uns als Gliedern des Leibes Christi ganz durchdringen und möge die Weisungen des Geistes die Oberhand gewinnen über das Gesetz des Fleisches. Denn die Geburt Christi wird nur dann für uns wirklich eine Bedeutung gewinnen, wenn unser Fleisch umgewandelt wird, wenn es bewegt und beherrscht wird durch das Wort das Fleisch geworden ist.

 

So wünsche  ich Euch ein gesegnetes Fest der Geburt Christi!

 

+Jean, Bishof von Charioupolis

 

Patriarchalvikar und Locum Tenens