Erzbischof Hiob zu Gast im Saint-Vladimir-Seminar in New York

Mit dem Segen seiner Heiligkeit, des ökumenischen Patriarchen Bartholomäus, reiste Erzbischof Hiob von Telmessos vom 29. Mai bis zum 1. Juni 2014 ins Seminar Saint-Vladimir in Crestwood, New York, wo er eingeladen war, den Vortrag bei der Feier der Diplomübergabe (commencement) anlässlich des Abschlusses des Universitätsjahres zu halten.

 

Es ist mir eine große Ehre und ich freue mich darüber, als diesjähriger Redner der Eröffnungsfeier im St. Vladimirs Orthodox Seminary eingeladen worden zu sein. Ich erinnere mich dabei an meinen eigenen Hochschulabschluss, den ich vor Jahren an einer anderen theologischen Lehranstalt erhalten habe. Jahre sind seit dieser Zeit vergangen und ich durfte seither dem Herrn und seiner Kirche auf verschiedenen Wegstrecken, in mehreren Aufgabenbereichen und mit unterschiedlichen Gnadengaben dienen, nachdem ich den Segen dafür erhalten habe. Da manche von Ihnen nun wohl in den kirchlichen Dienst eintreten werden, möchte ich Ihnen einige Gedanken mitteilen, die meiner eigenen Erfahrung entspringen als ehemaliger Seminarist, den der Herr gewürdigt hat, ein junger Bischof zu werden.

Ich denke, dass die passendste Evangeliumserzählung, über die sich an diesem festlichen Anlass nachdenken lässt, die Stelle des Lukasevangeliums ist, die von Martha und Maria handelt. Da wir „junge und eifrige“ Hochschulabsolventen sind, die sich dem Kirchendienst verschrieben haben, gleichen wir oft Martha, die sich um viele Dinge kümmerte. Junge Priester sind ebenfalls oft mit vielen Dingen beschäftigt – und die meisten von ihnen sind eher auf das Materielle und Praktische bedacht, als auf das Geistliche. Was kann ich weiterhin leben? Wie organisiere ich meine Gemeinde? Was soll ich in meiner Predigt sagen? Voller Eifer möchte der junge Priester viele Dinge in seiner Gemeinde organisieren. Wie ist eine Sonntagsschule zu organisieren? Wie lässt sich der Kirchenchor unterstützen? Wie kann ich die Krankenhaus- und Gefängnisseelsorge schultern? Wie soll ich mich in panorthodoxen und ökumenischen Gruppen einbringen? Der Herr jedoch erwartet von jedem von uns, dass wir „den besseren Teil, der uns nicht genommen wird“, wählen, und dass wir dem Beispiel Marias folgen im Dienst am einen Notwendigen. Worin besteht er? Ich möchte versuchen, es zu beschreiben, indem ich reflektiere über meine eigene, zeitlich eher beschränkte, aber doch reiche Erfahrung.

Gebet und liturgisches Leben

Der wesentlichste Teil eines priesterlichen Lebens ist das Gebet und das liturgische Leben. Gebet und Gottesdienst sind das Herz des kirchlichen Lebens. Es sind das die Momente, aus denen das christliche Leben ihren Ursprung zieht und wo es zusammenläuft. Wie der hl. Johannes Climacus es formuliert hat: „Das Gebet ist seiner Natur nach das Gespräch und die Vereinigung des Menschen mit Gott, und daraus ersteht die Bekehrung der Welt und ihre Versöhnung mit Gott.“ (Die Himmelsleiter, 28. Sprosse. PG 88, 1129A). Wenn ein Kleriker danach trachtet, gut und wahrhaft Gott und seinem Volk zu dienen, wie könnte er das vollbringen ohne Gebet? Deshalb sollte ein Kleriker das Volk nicht nur lehren und ermuntern, zu beten, sondern er sollte selbst das Gebet intensiv praktizieren.

Alle Sorgen, Herausforderungen und Probleme, denen wir begegnen im Leben der Kirche, können ihre erstaunlichen und unerwarteten Lösungen finden, wenn wir beten und Gottes Willen nunmehr akzeptieren, wie einer unserer zeitgenössischen geistlichen Väter einst sagte: „Alles, was wir erfolgreich im Leben vollbringen, ist ein Geschenk Gottes, und jedes Scheitern ist eine Folge unserer Sünden.“ Das Gebet wahrhaftig in die Tat umzusetzen, heißt zu akzeptieren, was Gott uns anstelle unseres eigenen Willens gewähren möchte, da echtes Gebet nicht Bitte ist, sondern zuallererst Dank für all die großen Dinge, die Gott uns geschenkt und gewährt hat. Vor allen Herausforderungen und Versuchen, denen wir in unserem pastoralen Leben begegnen, und das sind tatsächlich viele, soll ein authentischer Hirte niemals verzweifeln, sondern immer auf Gott hoffen und „all unser Leben Gott anvertrauen“ im Gebet. Ich habe persönlich schon oft die Erfahrung gemacht, dass etwas, das als Problem ohne jegliche Lösung auftauchte, eine unerwartete Lösung erhält, wenn wir beten, hoffen und auf Gott vertrauen.

Neben dem persönlichen Gebet ist der Gottesdienst ein äußerst wichtiger Teil des pastoralen Lebens, denn die Kirche ist kein Unternehmen oder eine Institution, sondern eine Gottesdienst feiernde Gemeinschaft. Seit ihrem Bestehen, seit dem Pfingsttag, wie wir in der Apostelgeschichte lesen, versammeln sich die Christen zum „Brotbrechen“. Das gesamte Leben der Kirche beginnt und läuft zusammen in der Eucharistie, wie unsere zeitgenössische eucharistische Ekklesiologie es entfaltet hat, wie es solch große Theologen wie N. Afanassieff, A. Schmemann und J. Zizioulas betonen. “Wo die Eucharistie ist, dort ist das Pleroma der Kirche, und umgekehrt; einzig im Pleroma der Kirche kann die Eucharistie gefeiert werden.“, stellt Afanassieff fest (N. Afanassieff, « L’Église qui préside dans l’amour », in: La primauté de Pierre dans l’Église orthodoxe, S. 29). Wenn das die Theologie ist, die wir im Seminar gelernt haben, dann ist das die Theologie, die wir als Hirten der Kirche nicht nur lehren, sondern zuallererst in die Tat umsetzen sollen.

Solange wir unseren kirchlichen Dienst getrennt oder unabhängig vom Gottesdienst ausüben, wird er steril sein, da es kein kirchliches Leben gibt ohne Eucharistie und ohne liturgisches Leben. Wenn wir unseren Dienst als simplen Beruf oder administrative Aufgabe auffassen, ist dieser Dienst tot, weil in all dem der Geist fehlt. Denn der Heilige Geist wohnt im und geht aus vom sakramentalen Leben der Kirche. Daher ist die Feier der Mysterien nicht nur „Teil unseres Berufs“, sondern bildet das eigentliche Herz unseres Dienstes. Ich muss bekennen, dass für mich persönlich die Liturgie die Inspirationsquelle meiner Predigten ist. Tatsächlich nehmen alle Aspekte unseres pastoralen Dienstes – Katechese, Einführung in die Mysterien, Predigt, pastorale Sorge, Mission, aber auch die Verwaltung der Kirche – ihren Anfang im liturgischen Leben der Kirche und laufen in ihm zusammen. Das ruft mir eine Frage in Erinnerung, die Seminaristen bei ihrem Examen von einem orthodoxen Bischof gestellt wurde. Er wollte von ihnen wissen, welches die caritative Dimension des kirchlichen Lebens sei. Manche antworteten darauf mit dem Hinweis auf Essens- und Kleiderausgaben, Armenfürsorge, Krankenbesuche etc. Diese Antworten jedoch befriedigten den orthodoxen Hierarchen nicht, der entgegnete: „Nein, die caritative Dimension der Kirche findet sich in der Liturgie: Sie beginnt mit der Liturgie und setzt sich fort in der Liturgie nach der Liturgie.“

Wenn das der Fall ist, sollten wir die Feier der göttlichen Mysterien und der Liturgie ernst nehmen. Der hl. Symeon von Thessaloniki hat betont, dass die Göttliche Liturgie über jedem Gebet und jedem Lobpreis steht, indem er sich auf den hl. Basilius den Großen bezieht, der in seinem wunderbaren Traktat über das Priestertum hervorhebt, dass Priester, um wirklich ein echtes typologisches Abbild Christi zu sein, in Gemeinschaft mit ihm handeln sollen und daher die Göttliche Liturgie täglich feiern sollen; und wenn dies nicht möglich sein sollte, dann wenigstens vier Mal wöchentlich. (PG 155, 972BC) Ich darf gestehen, dass ich es liebe, die Göttliche Liturgie zu feiern und dass ich seit meiner Weihe zum Diakon bis jetzt versuche, die Göttliche Liturgie so oft als möglich zu feiern. Das verwundert manchmal einige, vor allem jetzt, denn viele sind es oft nicht gewohnt, einen Bischof so häufig zelebrieren zu sehen. Viele fragen mich: „Sind Sie nicht müde?“ Meine Antwort lautet: Nein, einfach deshalb, weil für mich die Gottesdienstfeier kein „Job“ ist, sondern das Herz meines Dienstes und die Quelle meiner Inspiration. So wie der hl. Symeon von Thessaloniki uns dazu ermahnt, dass wir, der Klerus, uns daran erinnern sollen, „woran wir Anteil haben, für welchen Dienst wir bestellt sind und wessen Abbild (Ikone) wir darstellen, denn der Bischof und mit ihm der Priester, wenn er die Mysterien feiert, sind die Ikone Jesu.“ (PG 155, 965A-B).

Pastorale Arbeit auf dem Ackerland

Auch wenn wir so großen Wert auf das Gebet und das liturgische Leben legen, so heißt das nicht, dass ein Priester die ganze Zeit seines Lebens in der Kirche verbringen sollte. Das wäre eine Tragödie nicht nur für seine Ehefrau und seine Kinder, sondern auch für seine übrige geistliche Familie, denn der Priester ist der geistliche Vater seiner geistlichen Kinder. Daher sollte er die Zeit finden, sich ihnen zu widmen, gemeinsam Zeit zu verbringen und ihnen vor allem in schwierigen Augenblicken beizustehen und für sie zu sorgen. Aus der Sicht des hl. Symeon von Thessaloniki stellt das Omophorion des Bischofs nicht nur die Fleischwerdung Gottes dar, sondern erinnert uns an das verlorene Schaf des Gleichnisses, das der Gute Hirte wiederfindet und auf seine Schultern nimmt. (PG 155, 716) Deshalb haben wir als Hirten der Kirche manchmal die neunundneunzig anderen Schafe unserer kirchlichen Gemeinschaften zurückzulassen, um auf die Suche zu gehen nach dem verlorenen Schaf und für es zu sorgen. Wir tun das, indem wir die Familien besuchen, das Krankenhaus, die Gefängnisse, aber auch, indem wir offen sind und zur Verfügung stehen für die Menschen, die uns auf der Straße, im Zug oder im Flugzeug begegnen.

Die neuen Technologien haben auch neue und ungewohnte Wege der Kommunikation eröffnet, die es uns nicht nur möglich machen, die Hand nach den Menschen auszustrecken als zur Evangelisierung Gesendete, sondern auch den Menschen zur Verfügung zu stehen, die Hilfe, Beistand und Rat brauchen. Daher sind wir nicht nur Ikonen Christi, wenn wir die göttlichen Geheimnisse feiern, sondern auch, wenn wir den Kranken besuchen, dem Armen helfen, den Gefangenen ratend zu Seite stehen, mit Kindern und Jugendlichen sprechen und sogar, wenn wir in Facebook „chatten“. Das ist womöglich das schwerste Kreuz, das wir im pastoralen Leben zu tragen haben: Die Tatsache, dass unser Priestersein kein Beruf mit freien Tagen, Ferien oder Pausen ist, sondern ein kontinuierlicher Dienst, in dem wir in jedem Augenblick unseres Lebens eine Ikone Christi sein sollen. Das ist nicht einfach, da jedes menschliche Wesen etwas Ruhe und Zeit für das Private braucht. Deshalb hat ein Priester die Verpflichtung, ein Gleichgewicht in seinem Leben zu finden, doch sollte er nie vergessen, wessen Mitarbeiter er ist und wessen Ikone. Dies ist ein Teil des Kreuzes, das wir als Hirten der Kirche zu tragen haben, aber wenn wir es mit Gebet und Gottesfurcht füllen, gibt Gott uns die notwendige Gnade und Kraft, es zu tragen.

Obwohl sich dies manchmal als extrem schwierig und anspruchsvoll erweist, erfahre ich persönlich viel Freude und lerne ich Vieles in meiner pastoralen Arbeit „auf dem Ackerland“. Da wir „Salz der Erde“ sein sollen, wie Christus es seinen Aposteln aufgetragen hat, müssen wir wissen, was der Erde schmeckt. Ein guter Koch kostet ständig die Speisen während des Kochens. Gleiches sollte für die Hirten der Kirche gelten. Um die Menschen zu erreichen, ihnen ein geistliches Wort zu geben, das ihr Leben verändern könnte, und sie angemessen zu beraten, müssen wir wissen, was die Menschen erleben, was ihnen fehlt und in welchem Umfeld sie leben. Ein guter Priester ist nicht derjenige, der immer nur redet, sondern jemand, der eher zuhört, versteht und Mitgefühl mit den Menschen hat. Der pastorale Dienst ist niemals Monolog, sondern immer ein Dialog. Daher hat ein guter Priester nahe bei den Menschen zu sein, daher soll er immer erreichbar und ansprechbar sein.

Andauernde theologische Studien

Um mit den Menschen jedoch etwas teilen, etwas mitteilen zu können, sollten wir etwas haben, was wir ihnen geben. Das ist es nämlich, um was Christus die Jünger gebeten hat, als er ihnen auftrug, „Salz der Erde“ zu sein – was nützt das Salz denn, wenn es seinen Geschmack verloren hat? Um nicht unseren Geschmack zu verlieren, sollten wir unermüdlich theologische Studien betreiben. Um gute Predigten vorzutragen, sollten wir gut vorbereitet sein. Um den rechten Rat in der Beichte oder in der Pastoral geben zu können, sollten wir gut informiert sein. Um auf die Fragen der Menschen geeignete Antworten zu haben, sollten wir eine gute Bildung besitzen. Aus diesem Grund sollten wir ständig aus der Lesung der Heiligen Schrift, der heiligen Väter und theologischer Bücher, uns gleichsam aufbauend, schöpfen. Uns jedoch in die theologischen Studien einzuschließen, wie es oft bei jungen Seminaristen und jungen Klerikern geschieht, wäre ein Fehler. Um den Bedürfnissen unserer geistlichen Herde dienen zu können, sollten wir auf dem Feld der Theologie gut unterrichtet sein, doch wir können uns auch einen guten Erfahrungsschatz in anderen wissenschaftlichen Disziplinen aneignen, wie etwa in der Pädagogik, Philosophie, Psychologie und manch anderen Wissenschaftsgebieten. Wir sollten niemals schüchtern sein, wenn es gilt, neue Dinge zu entdecken und zu lernen. Ganz im Gegenteil, wir sollten täglich etwas Neues lernen in unserem Leben.

In meinem Fall, als Professor der Theologie, sind weitergehende theologische Studien untrennbar mit der Lehre verbunden. Jemand wird sagen, dass der beste Weg des Lernens das Lehren ist. Und das ist wahr. Ich für meine Person ziehe viel Gewinn aus der Lehrtätigkeit sowohl von Hochschulabsolventen, als auch von Studenten, aber auch von Jugendlichen und Kindern. Jede Frage, die sie stellen, ist für mich eine Gelegenheit, mich selbst und mein Lehren neu zu bedenken, es ist eine Gelegenheit, ein Problem aus einer anderen Perspektive zu betrachten, und nicht selten heißt das, an etwas zu denken, was ich noch nie zuvor bedacht hatte. Immer wenn ich in einen Klassenraum komme, ist das für mich ein Augenblick, mich selbst mit neuen Ideen und neuen Herausforderungen einzudecken und ich freue mich sehr darüber. Es gibt ein jüdisches Sprichwort, das sagt: “Selig der Lehrer, der in seinem Schüler seinen Lehrer erkennt.“. Ich persönlich strebe nach solch einer Seligkeit!

Im pastoralen Leben haben wir das Volk Gottes zu lehren und „Salz der Erde“ zu ein. Aber die Lehre ist gerade nicht ein Monolog, sondern ein Dialog. Daher möchte ich heute meine kurze Betrachtung über den pastoralen Dienst schließen mit dem Gedanken, dass jeder, der sich auf den Weg ins Priestertum begibt in einen endlosen Dialog eintritt. Es ist ein Dialog mit Gott im Gebet. Es ist ein Dialog mit dem Volk, für das wir Sorge tragen. Es ist ein Dialog mit dem Volk, das wir lehren und dem wir dienen. Sich auf diesen Dialog einlassen bedeutet, dass wir niemals den Wohlgeschmack verlieren sollen, den wir dem Volk vermitteln sollten, und dass wir  immer daran denken, „dem Einen, das notwendig ist, zu dienen“. Dies ist es, was ich Euch allen aufrichtig wünsche, vor allem jenen von Euch, die heute ihren akademischen Abschluss feiern. Möge Gott Euch alle segnen!

 

Am Sonntag, 1. Juni, stand Erzbischof Hiob der Göttlichen Liturgie in der Kirche des Seminars vor, die den Drei Heiligen Lehrern geweiht ist. In ihr weihte er Theodor (Tor) Svane zum Diakon, einen Gläubigen des Exarchats, der aus Bergen (Norwegen) stammt und zur Zeit seine theologischen Studien im Saint-Vladimir-Seminar absolviert.

Am Sonntagnachmittag wurde Erzbischof Hiob von seiner Eminenz Metropolit Tikhon von Washington und Amerika und Kanada am Sitz der Orthodoxen Kirche von Amerika in Syosset, New York, empfangen.