Botschaft Seiner Heiligkeit des ökumenischen Patriarchen Bartholomäus anlässlich der Pastoralversammlung des Exarchats am 11. November 2015


Seiner Eminenz Erzbischof Hiob von Telmessos, dem geliebten Bruder im Heiligen Geiste und Konzelebranten unserer demütigen Person, Exarchen der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa, die zum heiligen ökumenischen Thron gehören, den frommen Klerikern und Diakonen, ehrwürdigen Dignitären und allen gesegneten Christen dieses patriarchalen Exarchats: Gnade und Friede Gottes euch, wie auch unser Gebet und Segen.


Die Mutterkirche hat in ihrer ihr übertragenen Sorge zur Verteidigung der Einheit der Kirche in der Gemeinschaft des Glaubens und im Band der Liebe nicht nur gerne den Schutz der russischen und ukrainischen Präsenz in Westeuropa übernommen, sondern ehrte diese auch in geziemender Weise, indem sie ihnen den erhabenen kanonischen Status eines Patriarchalen Exarchats verlieh, um die interne Unabhängigkeit in der Einhaltung der russischen liturgischen Praxis und des geistlichen Lebens zu stärken, immer im Rahmen der etablierten kanonischen Tradition und der kirchlichen Disziplin. Wir teilen folglich die Überzeugung, dass diese lange geistliche Verbindung nicht allein darin besteht und sich nicht darin erschöpft, eine vorübergehende Notwendigkeit oder eine förmliche pastorale Unterstützung in schwierigen Zeiten zu gewährleisten, denn sie hat ihre Wurzeln in der jahrhundertealten mütterlichen Beziehung, die seit jeher bestand. Es ist eine Beziehung, die die Pracht der russischen liturgischen Praxis bereichert durch die geistliche ökumenische Ausstrahlung der orthodoxen Tradition, deren Hüterin die Mutterkirche ist.


So hat diese mütterliche Beziehung bis jetzt hervorragende und reiche Früchte getragen. Diese geistliche Fruchtbarkeit kann noch schöner aufstrahlen in naher Zukunft, natürlich nur, wenn nicht mancherart nutzlose Unstimmigkeiten oder unbedachte persönliche Ambitionen die gesetzten kanonischen Grenzen schänden, die das Prinzip der kirchlichen Ökonomie im internen Funktionieren des patriarchalen Exarchats leiten.Daher ist es sehr wichtig, die angesprochenen Unstimmigkeiten und Ambitionen zu überwinden, damit die Orthodoxie glaubwürdig Zeugnis ablegen kann vor jenen, die ihr nahestehen, und vor jenen, die sich entfernt haben – zur Verherrlichung des heiligen Gottes in der Dreiheit und seiner heiligen Kirche. In diesem Geist begrüßt die Mutterkirche mit großer Genugtuung und setzt sie große Hoffnungen in die Versammlung des Klerus des Exarchats, die zusammengerufen wurde, um die bekannten schwerwiegenden Fragen in konstruktiver Weise zu diskutieren und gemeinsam anzugehen, die [das Exarchat] vorrangig beschäftigen. Diese Fragen nähren unablässig interne Oppositionen, die öffentlich ausgebreitet werden. Dadurch nimmt nicht nur die geistliche Verbundenheit in der Liebe seines ausgedehnten kirchlichen Leibes Schaden, sondern auch der geforderte Respekt vor dem Dienstauftrag der grundlegenden Prinzipien der kanonischen orthodoxen Tradition.


Es leuchtet demnach durchaus ein, ja ist sogar unausweichlich, dass die gegenwärtigen Verwirrungen auch in der Versammlung des Klerus bedacht werden, deren Thema einerseits die kanonischen Kriterien der Beziehung zwischen den Klerikern und ihrem Bischof sein wird, andererseits die zu den Gläubigen ihrer Gemeinden. Diese Kriterien wurden festgesetzt und sind allen orthodoxen Kirchenbediensten bekannt, und doch gehen die Verwirrungen aus einer sich dienstbar gemachten, ja sogar missbräuchlichen Interpretation fundamentaler Prinzipien der kanonischen orthodoxen Tradition hervor. Diese Verwirrungen sind darüberhinaus dabei, auch die Einheit des kirchlichen Leibes zu bedrohen, da diese fundamentalen Prinzipien nicht übergangen werden können, ohne dass die Übertreter ihrerseits zu Schaden kommen. Es ist demnach immer wieder notwendig – vor allem, wenn es Verwirrungen gibt – diese fundamentalen Prinzipien in Erinnerung zu rufen, die durch den göttlichen Gründer der Kirche eingesetzt und die getreu durch die Apostel und ihre Nachfolger im apostolischen Dienst des Bischofsamtes umgesetzt wurden.


Daher erachtete es der heilige Völkerapostel Paulus für notwendig, allen die apostolische Berufung in Erinnerung zu rufen hinsichtlich der Tragweite der apostolischen Sendung: « So soll man uns betrachten als Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes. Da dem so ist, verlangt man von jedem Verwalter nur, dass er treu befunden werde. » (1Kor 4,1–2) In diesem Geist erwählten und weihten die Apostel zum apostolischen Dienst des Bischofsamtes sowohl ihre Schüler und Nachfolger, als auch den Klerus für eine jede Ortskirche, der immer in rückbindendem Bezug auf die Apostel und ihre Nachfolger wirkt. Somit legte die apostolische Sukzession in Glaube und Disziplin endgültig die auf den Bischof zentrierte Organisation und das Funktionieren einer jeden Ortskirche fest, die die orthodoxe Kirche ohne Änderung bewahrt.


Ignatius von Antiochien, der Gottesträger († 107) legt hervorragend die Theologie dar, die sowohl den Ursprung als auch die bischöfliche Autorität im gesamten liturgischen und geistlichen Leben der Ortskirche umfasst. So hebt er hervor, dass « die Bischöfe, die bis an die Enden der Erde eingesetzt wurden, in der Absicht Jesu Christi sind. » (Brief an die Epheser 3,2); aber auch, dass wir « jeden, den der Hausherr in Sachen der eigenen Verwaltung ausschickt, ebenso aufnehmen müssen wie den Sendenen selbst. » (Brief an die Epheser 6,1. Übers.: Christl. Meister; 24). Doch « zur Ehre dessen, der uns erwählt hat, ziemt es sich, ihm ohne jede Heuchelei zu gehorchen, denn man täuschte ja (sonst) nicht diesen sichtbaren Bischof, sondern man verhöhnte den unsichtbaren. » (Brief an die Magnesier 3,2) So ermahnt er dazu, den Leib der Kirche als ganzes der Sendung des Bischofs und des Klerus der Ortskirche zuzuordnen: « Alle sollt ihr dem Bischof gehorchen, wie Jesus Christus dem Vater (gehorcht hat), und auch dem Presbyterium wie den Aposteln, die Diakone aber ehrt wie Gottes Gebot. Keiner tue etwas die Kirche Betreffendes ohne den Bischof. Nur jene Eucharistie gelte euch als gültig, die unter dem Bischof oder einem von ihm Beauftragten gefeiert wird. Wo der Bischof auftritt, dort sei auch das Volk, so wie wo Christus Jesus ist, dort sich die universale Kirche befindet. Ohne den Bischof darf nicht getauft noch das Liebesmahl gehalten werden; was aber immer er für gut befindet, das ist auch Gott wohlgefällig. Und so wird alles, was ihr unternehmt, sicher und zuverlässig sein. » (Brief an die Smyrnäer 8,1–2)


Somit ist doch nach dem heiligen Ignatius die Einmütigkeit augenscheinlich eine Notwendigkeit für den Klerus der Ortskirche, auf dass die Einheit des Leibes der Kirche gewahrt bleibe. Daher ermahnt er dazu: « … seid bedacht, alles in Gottes Eintracht zu tun, wobei der Bischof an der Stelle Gottes den Vorsitz führt, die Presbyter den Platz des Apostelkollegiums innehaben und die mir vielteuren Diakone mit dem Dienst Jesu Christi betraut sind, (…) Nichts komme bei euch auf, was euch zerspalten könnte, seid vielmehr einig mit dem Bischof und den Vorsitzenden, zum Abbild und zur Belehrung über das unverwesliche Leben. » (Brief an die Magnesier 6,1–2) Er wiederholt die gleiche Ermahnung in all seinen Briefen, vor allem in dem an die Epheser, in dem er unterstreicht: « Deshalb ziemt es sich für euch, einig mit der Absicht des Bischofs zu laufen, (…) Euer zu Recht bekanntes Presbyterium, das Gottes würdig ist, ist ja mit dem Bischof nicht anders verbunden als die Saiten mit der Zither. Und so soll in eurer Eintracht und zusammenklingenden Liebe Christus besungen werden. Auch jeder Einzelne möge zu einem Chor werden, damit ihr in einheitlicher Gesinnung zusammenklingen könnt und so, Gottes Melodie in der Einigkeit aufgreifend, durch Jesus Christus einstimmig dem Vater lobsingt; dann wird er euch vernehmen und erkennen, dass ihr durch euer rechtes Tun Glieder [seines] Sohnes seid. » (Brief an die Epheser 4,1–2)


Diese apostolische Tradition formte das kirchliche Gewissen über Jahrhunderte hinweg, nämlich bezüglich der absoluten Notwendigkeit des apostolischen Dienstes des Bischofsamtes, das heißt nicht nur hinsichtlich der ununterbrochenen Weitergabe der Vollmacht Christi in der Organisation der Kirche, sondern auch hinsichtlich des gesamten sakramentalen Lebens des Leibes der Kirche. Daher wurde dieser Dienst zum fundamentalen und unveränderlichen Drehpunkt der kanonischen Tradition. Er dient dazu, jeglicher willkürlichen oder unbedachten Abweichung auf örtlicher, regionaler, ja selbst 'ökumenischer' Ebene zuvorzukommen, die dazu führen könnte, sowohl die administrative Organisation als auch die synodale Funktion der Kirche zu schädigen, wie es im Westen der Fall war, wodurch die bekannten Krisen in der Geschichte der Kirche entstanden. Vor diesem Hintergrund wird auch die besondere Strenge verständlich, die die apostolische und kanonische Tradition an den Tag legt, wenn es darum geht, die Notwendigkeit der Einmütigkeit zu verteidigen, [und zwar], dem hervorragenden Beispiel der Apostel folgend, in der Gemeinschaft des Glaubens und im Band der Liebe, das nicht nur die Körperschaft des Episkopats in der Welt leiten soll, sondern auch den örtlichen Klerus, der seinem Bischof zugeordnet ist. Demzufolge sollen, in Übereinstimmung mit dem 34. [andere Lesart 27.] Kanon der heiligen Apostel, « die Bischöfe jeder Provinz wissen, dass einer von ihnen der Erste sein muss, und sie sollen ihn als ihr Haupt ansehen und nichts tun ohne sein Gutachten. (…) Aber auch er tue nichts ohne das Gutachten aller [anderen Bischöfe], denn so wird Eintracht herrschen und Gott verherrlicht werden durch den Sohn im Heiligen Geist. » Hingegen ist der 31. [oder 24.] Kanon der heiligen Apostel offensichtlich bedeutend strenger, denn er behandelt nicht nur die Beziehungen, sondern auch den willkürlichen Ungehorsam des Priesters gegenüber seinem Bischof, eines Ungehorsams also, der die innere Einheit des Leibes der Kirche zerstört. Daher legt er klar dar: « Wenn ein Priester, seinem Bischof zum Trotz, Privatzusammenkünfte hält und einen anderen Altar errichtet, obgleich der Bischof in Bezug auf Frömmigkeit und Gerechtigkeit über allen Tadel erhaben ist, soll er abgesetzt werden als herrschsüchtig (…) ». Die Strenge der auferlegten Strafe allerdings ist gerechtfertigt sowohl in Bezug auf die Willkür der begangenen Tat, als auch hinsichtlich der Herumtuschelei, die die innere Einheit des Leibes der Kirche angreift.


Dadurch tritt klar hervor, dass der Schutz der Einheit des Leibes der Kirche, der gewährleistet wird sowohl durch die synodale Einmütigkeit der Bischöfe in ökumenischer Perspektive [d.h. im Hinblick auf alle zugehörigen Ortskirchen und Bistümer], als auch durch das harmonische Funktionieren der kanonischen Beziehungen, die zwischen den Klerikern und ihrem Bischof auf örtlicher Ebene bestehen, eine kirchliche Frage von großer Tragweite ist. Denn jede Abweichung bedroht die Einheit selbst der Kirche. Daher fasst der bekannte Kanonist Johannes Zonaras in seinem Kommentar des 34. Kanons der heiligen Apostel die ekklesiologische Tragweite der entsprechenden kanonischen Tradition so zusammen und hebt zudem unmissverständlich hervor:

« So wie sich die Leiber fehlerhaft bewegen, ja sogar völlig nutzlos sind, wenn der Kopf sie nicht gesund erhält durch sein eigenes Wirken (= Autorität), so wird sich der Leib der Kirche ungeordnet und fehlerhaft bewegen, wenn der Primat und der, welcher die Aufgabe des Kopfes übernommen hat, nicht in seiner Würde erhalten wird... » (Rahli–Potli, Syntagma, II,39).


Demzufolge begrüßen wir diese Veranstaltung mit der gebotenen Freude, denn es ist immer nützlich, Klerikerversammlungen einzuberufen, um bekannte schwehlende Fragen in der Organisation und der Funktion unseres patriarchalen Exarchats in den Blick zu nehmen. Andererseits ist das gewählte Thema auch wichtig und aktuell, betrifft es doch die kanonische Organisation und die pastorale Sendung eurer Gemeinden in einer Zeit, in der [die Menschen] konfrontiert werden mit vielschichtigen und provozierenden Ideologien, sowie mit geistlichen und sozialen Irrwegen. Mit dem Wunsch, die Versammlung möge gewinnbringend verlaufen und die gesetzten Ziele erreichen, rufen wir auf euch die Gnade und die unendliche Barmherzigkeit unseres Herrn, Gottes und Erlösers Jesus Christus herab.


11. November 2015