VORTRAG

SEINER ALLHEILIGKEIT DES ÖKUMENISCHEN PATRIARCHEN BARTHOLOMAIOS


AUF EINLADUNG DER

EVANGELISCHEN KIRCHE IN DEUTSCHLAND

IM BERLINER DOM

 14. Μai 2014

 

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Nachhaltigkeit und Lob des Schöpfers

Plädoyer für eine ökologische Ethik aus orthodoxer Sicht

 

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Sehr geehrter Herr Präses (i.R.) Nikolaus Schneider, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland,

Sehr geehrte Frau Präses Dr. Schwaetzer,

Hochwürdigster Mitbruder, Metropolit Augoustinos von Deutschland, Oberhirte dieser von Gott behüteten Diözese,

Hochwürdigste Mitbrüder und Mitbischöfe,

Liebe Brüder und Schwestern in Christus,

 

Unsere orthodoxe Kirche begegnet in Liebe der Schöpfung, die Gott in seiner Weisheit durch sein Wort, sein einfaches und zugleich entscheidendes Wort «es werde» erschuf. Deshalb wurde auch “die ganze Schöpfung vor Furcht entstellt, als sie (den Menschensohn und Sohn Gottes) am Kreuze hängen sah [...] Die Sonne verfinsterte sich und die Fundamente der Erde erzitterten» (Apostichon aus dem Morgengottesdienst des Großen und Heiligen Donnerstags).

 

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Bevor wir Ihnen, verehrte Zuhörerschaft, jedoch einige Gedanken, Positionen, Einschätzungen, aber auch Initiativen des Ökumenischen Patriarchats und unserer geringen Person ganz persönlich zum vorliegenden Thema mitteilen und aus orthodoxer Sicht eine Einschätzung einer ökologische Ethik darlegen möchten, danken wir herzlich für die Ehre, heute an diesem Ort zu Ihnen sprechen zu dürfen und erlauben uns, zunächst einige Worte über die Institution zu sagen, die wir vertreten und der wir dienen: über die Kirche von Konstantinopel also, das Ökumenische Patriarchat, das innerhalb der einen und unteilbaren Orthodoxen Kirche den ersten Sitz innehat.

Wir vertreten also vor Ihnen eine ehrwürdige europäische Institution, die etwa 1700 Jahre alt ist. Wir, die wir ihr dienen, wären sehr unglücklich, wenn unser Dienst lediglich demjenigen eines Museumswächters entsprechen würde. Die Ehre, hier von Ihnen heute an diesem so bedeutenden Ort der Evangelischen Kirche in Deutschland empfangen zu werden, bezieht sich aber, wie wir glauben, nicht nur auf die geschichtliche Bedeutung des Ökumenischen Patriarchats, der Kirche  des neuen Roms und Konstantinopels, sondern vor allem auf die Tradition seiner Ökumenizität. Darunter verstehen wir sein ständiges und standhaftes und durch die Jahrhunderte bis heute aktives Zeugnis und seine Wegweisung mit ökumenischer, also internationaler bis weltweiter Ausstrahlung, die sich sogar bis auf die mit dem Menschen gemeinsam wehklagende und stöhnende Schöpfung erstreckt.

Der Mensch, für den die Schöpfung, das Paradies auf Erden, geschaffen wurde, missachtete leider den Auftrag Gottes, dass er die Welt „bebaue und hüte“ (vgl. Gen 2,15), und zerstört sie stattdessen durch seine Habgier, er zwingt sie, Früchte hervorzubringen, er verdunkelt die Sonne durch seine wissenschaftlichen Experimente und lässt die Fundamente der Erde erzittern. Wir werden jedoch später auf die Notwendigkeit und gleichzeitige Verpflichtung des Menschen zurückkommen, die Schöpfung «zu bebauen und zu hüten».

Etwa tausend Jahre lang (333-1453, hatte in der christlichen Welt jener Zeit der Bischof des neuen Roms, der ersten Stadt, ja der Stadt (Polis) par excellence, das Kreuz der zentralen Verantwortung und des Dienstes für die Einheit der christlichen Gemeinschaften des damaligen byzantinischen Kaiserreiches zu tragen. Seine Aufgabe war es also,  das Fundament der gemeinsamen Kultur und der Qualität menschlicher Existenz zu bewahren. Nach 1453 wurde die Rolle des Ökumenischen Patriarchats nicht eingeschränkt, wie manche glauben, sagen und schreiben. Seine Aufgabe setzte sich und setzt sich bis heute ökumenisch im praktischen und aktiven Leben aller Bereiche der menschlichen Existenz und der uns umgebenden Welt fort, im Mittelpunkt steht dabei stets das «rechte Leben» (ε ζν) auf Erden und das Heil des Menschen in der Ewigkeit. Die Aufgabe und Haltung des Ökumenischen Patriarchats war, ist und wird auch in Zukunft sein, das durch den Sündenfall verdunkelte Bild Gottes, den Menschen, «zur Ähnlichkeit Gottes» zu führen, also alles zur «ursprünglichen Schönheit» zurückzuführen.

Dieser Ausrichtung und diesen konkreten Zielen dienen alle Tätigkeiten des Ökumenischen Patriarchats. Daraus hat sich ein orthodoxes Ethos und ein Dienstprimat der Kirche von Konstantinopel entwickelt, das weltweit und ökumenisch anerkannt, geschätzt und in die Praxis umgesetzt wird. Dies ist kein Amt, sondern eine Verantwortung. Es stellt keine Macht dar, sondern einen Dienst des ersten Bischofs, der das synodale System der Einheit des orthodoxen Christentums in Kraft setzt, der die Großen und Heiligen Konzilien einberuft und ihren Vorsitz innehat. Das Ökumenische Patriarchat und sein Vorsteher dienen, sind schenkend tätig und entäußern sich für den Menschen, für die Welt, für die Menschheit, für die «ganze Schöpfung«.

 

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Die ökologische Krise unserer Zeit, verehrte Zuhörer, ist kein isoliertes Phänomen und darf auch nicht eigenständig betrachtet und behandelt werden. Die ökologische Krise stellt sich als Übergang der moralischen, sozialen und spirituellen Krise vom Menschen auf die Schöpfung dar. Deshalb ist und bleibt jede Betrachtung oder Behandlung der ökologischen Krise und ihrer Folgen ohne unmittelbaren Bezug und ohne Verbindung zur Krise des Menschen in seinen diversen Lebensbereichen unvollständig und greift nicht.

 Das Prinzip des ökonomischen Wachstums, das nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen vertreten wurde und die Oberhand gewann, wurde dann in der ganzen Welt weiterverbreitet und überschattete fundamentale existenzielle Bedürfnisse, es reduzierte die spirituellen Sensoren und führte den Menschen in eine seelische und spirituelle Hungersnot. Es bedurfte mehrerer Jahrzehnte, bis die Welt verstand, dass die einseitige ökonomische Entwicklung nicht nur ihr Glück nicht garantiert, sondern im Gegenteil ernste negative Auswirkungen auf ihre spirituelle Vervollkommnung, ihre Lebensqualität, ja ihr Überleben selbst hat.

 

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Es ist Ihnen, meine lieben Zuhörer, sicherlich bekannt, dass die Weltkonferenz von Rio (1992) das Prinzip der lebensverträglichen  oder nachhaltigen Entwicklung proklamiert hat und zum ersten Mal offiziell die Ideologie der einseitigen ökonomischen Entwicklung infrage gestellt hat. Es ist auf viele Weise auch wissenschaftlich belegt worden, dass «gleichzeitig diese Infragestellung auch die indirekte Infragestellung der einseitigen Ethik der Entwicklung bedeutet. Wenn das höchste Gut nicht mehr die ökonomische Entwicklung ist, sondern die lebensverträgliche ökonomische Entwicklung, muss ihr auch die Ethik entsprechend angepasst werden« (vgl. G. Mantzaridis, Globalisierung und Globalität. Chimäre und Wahrheit <griech.>, Thessaloniki 2001, S. 138). Selbstverständlich ist es nicht gestattet, dass alles auf dem Altar der ökonomischen Entwicklung geopfert wird oder die nicht erneuerbaren oder seltenen Güter verschwendet werden, welche für das Überleben der zukünftigen Generationen notwendig sind.

Unglücklicherweise wurde aber diese Infragestellung nicht direkt und mutig verkündet, sondern nur indirekt und leise. Und auch die Anwendung dieses Prinzips fand nicht unmittelbar und ausreichend konsequent statt. Dies lässt sich an der weiteren Entwicklung der Dinge sehen. Die folgenden zwei Weltkonferenzen von Kyoto (1997) und Den Haag (2000) haben diese Inkonsequenz bestätigt. Die ökonomischen Interessen der Mächtigen haben die Anwendung der vorgesehenen Maßnahmen und die von allen erhoffte Perspektive der nachhaltigen Entwicklung verfälscht.

Als nachhaltige oder lebensverträgliche Entwicklung wird jene betrachtet, die das Gleichgewicht der Natur bewahrt und gleichzeitig den Entwicklungs- und Umweltbedürfnissen der Gegenwart entspricht, ohne die Umwelt extensiv zu belasten und ohne die Bedürfnisse der kommenden Generationen zu missachten.

Hier stellen sich jedoch einige grundsätzliche Fragen: Welches sind die Bedürfnisse der Menschen und in welchem Maß bringt die Befriedigung der ökonomischen Bedürfnisse gleichzeitig eine Befriedigung aller substanziellen Bedürfnisse des Menschen mit sich? Schadet womöglich das Hauptgewicht, das dem ökonomischen Gewinnstreben verliehen wird, der tatsächlichen Nachhaltigkeit oder hebt sie diese gar auf? Und schließlich: Lässt womöglich das ausschließliche Interesse für die materiellen Bedürfnisse des Menschen und ihre Befriedigung seine spirituellen Bedürfnisse unerfüllt?

Die Bedürfnisse des Menschen haben mit seinen biologischen, aber auch mit seinen spirituellen Funktionen zu tun. Es ist möglich, sie auf jene zu reduzieren, die lebensnotwendig sind, ebenso aber kann man sie auch erweitern um jene, die überflüssig oder sogar eingebildet sind. Sie können mit Schlichtheit, aber auch in Luxus befriedigt werden, und dann immer noch existieren. Der Apostel Paulus schreibt im 1. Timotheusbrief und ermahnt die Christen „Wenn wir Nahrung und Kleidung haben, soll uns das genügen“ (1 Tim 6,8).

Natürlich beschränken sich heute die Bedürfnisse der Menschen nicht auf Nahrung und Kleidung. In der heutigen Gesellschaft haben die Menschen viel mehr und vielfältigere Bedürfnisse geschaffen, die häufig im Überfluss überbefriedigt werden. Trotzdem fühlen wir Menschen uns bedürftig und arm. Dies geschieht, weil wir habgierig  sind. Wir verfügen über zahllose materielle Mittel und nie zuvor bekannte Annehmlichkeiten, und das sogar zu einem Zeitpunkt, an dem ein anderer großer Teil der Menschheit Hunger leidet, aber wir fühlen uns nicht glücklicher. Wir sind wohl unersättlich. Wir sind unglücklich. Zu Recht stellt sich hier nach unserer Auffassung die Frage: warum ist das so?

Zwei Ursachen gibt es, glauben wir, für dieses Phänomen: zum einen die Habgier des Menschen und zum anderen die Missachtung seiner inneren Welt, d.h. seiner Seele, seines Herzens und seines Geistes.

Wir Menschen sehen und begehren nur die Materie und nicht den Geist. Jeden Tag von neuem vergessen wir die patristische Erfahrung der Kirche, wie sie der weise Mönchsvater Johannes von Damaskus ausdrückt «Wenn wir ins Grab einziehen, dann gewinnen wir die Welt» (Aus dem orthodoxen Begräbnisgottesdienst für Priester). Der heilige Johannes spricht von der Welt, die eine wahre Welt sein muss für den Menschen, nicht Materie, die vergeht, und Genuss, der vorübergeht, sondern eine beständige Welt, voll des Heiligen Geistes, mit nüchternem Herz und einem wachen Geist und reinen, besonnenen Gedanken (vgl. das Gebet des Mönches Antiochos, das in der orthodoxen Komplet gelesen wird), eine Welt also der Theorie und der Praxis, der in Liebe Handelnden. Dies allein ist der wahre Gewinn, den die orthodoxe Kirche als Ausgangspunkt auch beim so genannten ökologischen Problem sieht, sich nämlich auf die Gebote Gottes zu stützen und auf das ständige und ungetrübte Gedenken seiner Gebote.

 Durch die Vergötterung des Konsumismus und der «Überflussgesellschaft» wurden die Leidenschaften des Neides, des Hasses, der Habgier und der Ungerechtigkeit gefördert. Man hat das Wort der Heiligen Schrift vergessen, oder nur als reine Theorie angesehen, das lautet «Lernet Gerechtigkeit, ihr Bewohner der Erde» (Jes 26,9), ebenso wie die Seligpreisung des Herrn « Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden“ (Mt 5,6). Anders gesagt: der Hunger und Durst des Menschen können nur durch die Gerechtigkeit gestillt werden.

Der moderne und der postmoderne Mensch begehrt nicht mehr so viel, wie er braucht, er glaubt vielmehr, dass er braucht, soviel er begehrt. Und da das menschliche Genussstreben und sein Verlangen nach einem momentanen Ruhm, der leider vergeht und verwelkt «wie die Blume des Feldes» unersättlich sind und durch profitorientierte Werbung und wirtschaftliche Konkurrenz auch noch ständig angeheizt werden, wird aus der Überflussgesellschaft (das entsprechende griechische Wort φθονία bedeutet etymologisch: «Gesellschaft ohne Neid») nun zwangsläufig eine «Gesellschaft des Neides».

In dieser Überflussgesellschaft schaffen der Neid und die Habgier eine große und ständige Spannung, die sich in Hass und Konkurrenzkämpfen, in Leidenschaften und misstrauischem Betrachten äußert, in der Marginalisierung der Werte und letztendlich im Nicht-Respektieren, im Verletzen und im Missachten des Bildes Gottes, des Menschen. Man identifiziert das Sein des Menschen mit seinem Haben und man bewertet ihn nach der Größe seines Vermögens, also der Materie, die doch Staub ist und Staub bleibt.

Die Erfahrung unserer orthodoxen Kirche bringt in besonderer Weise diese Wahrheit zum Ausdruck und zielt nach ihr,  die, wenn sie einem in ihrer ganzen Breite und Tiefe bewusst wird, zu einem wahrhaft ökologischen Ethos führt: „Da wir alle in dieselbe Wohnung gedrängt werden, und werden mit dem selben Steine bedeckt und bald selbst Staub sein werden… Dieses unser Leben auf Erden ist ein Spiel; die nicht Seienden entstehen und die da sind, werden weggenommen; wir sind ein Traum, der nicht bleibt; ein Hauch, der nicht zurückzuhalten ist; der Flug eines vorüberziehenden Vogels, ein Schiff auf dem Meer, das keine Spuren hinterlässt…« (Troparion aus dem orthodoxen Begräbnisgottesdienst für Priester).

Alle Menschen, insbesondere jene, welche die Geschicke der Völker lenken und berufen sind, ihre Führer zu sein in der Politik, im Bereich des Geistes, der Kirche und der Wissenschaft, möchten die anderen übertreffen und streben dies an, indem sie Gott und sein Urteil ignorieren; dies tun sie vor allem mit menschlichen Mitteln und Handlungen, die nicht immer den Geboten des Evangeliums entsprechen. Wir Menschen vergessen in der Praxis das «sanfte Joch« der Liebe, von dem uns das Evangelium Christi berichtet und das insbesondere wir Christen tragen sollen.

 

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Es ist düstere Realität, wenn wir feststellen müssen, dass bei der gegenwärtigen Lage mit der großen Wirtschaftskrise und der furchterregenden Arbeitslosigkeit die Bemühungen und Anstrengungen des Menschen dramatische ja manchmal sogar tragische Ausmaße annehmen, insbesondere wenn das nötige spirituelle Gegengewicht fehlt.

Der Mensch unserer Zeit hat seinen Geist (νος) vernachlässigt und die Rationalität (λογική) überbewertet, der ja eine Teilfunktion des Geistes ist. Der Geist aber ist das Auge der Seele. Er ist das Organ, mit dem er herrschen kann und über seine Empfindungen Herr sein kann, mit dem er in seine seelische Welt eintauchen kann und sich in die übersinnliche Welt jenseits der Empfindungen erstrecken kann. Diesen dominierenden Geist hat also der Mensch degradiert und zum Sklaven seiner körperlichen Empfindungen und zum Werkzeug der Befriedigung materieller Bedürfnisse und seiner Sinnlichkeit gemacht. Auf diese Weise ist aber die Seele des Menschen, die Seele eines jeden von uns, unterentwickelt geblieben und kann sich nicht geistlich ernähren. Sie wurde reduziert und letztendlich gefangen in der innerweltlichen Wirklichkeit und jeder überweltlichen Ernährung entfremdet.

Unser Herr lehrt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ (Mt 4,4). Der Geist (πνεμα)  des Menschen wird nicht satt durch materielle Nahrung. So lange ihm die spirituelle Nahrung fehlt, bleibt er unterernährt und hungrig. Und so sehr der Mensch sich bemüht, den Geist mit materiellen Dingen zu sättigen, desto mehr wird er bedrängt und erstickt. Er bleibt unbefriedigt und nicht in der Lage, sein «schlechtes Ich« zu überwinden. Und dann beschäftigt sich dieser unersättliche Mensch ohne Unterlass mit dem Erwerb, dem Gebrauch und dem Missbrauch materieller Dinge, aber auch mit dem Missbrauch des ihm geschenkten Ansehens und der Macht, was ihm keine Befriedigung schafft, sondern seine Habgier noch verstärkt. Denn es fehlt die Frucht der Gerechtigkeit in den Handlungen des Menschen. Nur die Gerechtigkeit allein und die Liebe setzen die Schöpfung und alle sichtbaren und unsichtbaren Dinge fort. Diese Frucht der Liebe und der Gerechtigkeit wird «nicht von der Zeit aufgebraucht, nicht vom Tod unterbrochen,  sondern wird dann eher sicherer, wenn man zu diesem in den ruhigen Hafen einläuft« (Johannes Chrysostomus, Kommentar zu Psalm 111, P.G. 55, 294).

So deutet das orthodoxe Gewissen auch die große Zahl wirtschaftlicher, moralischer und gesellschaftlicher Skandale, die in unserer Welt auftreten, insbesondere in der heutigen Zeit, in der die Sünde «übergroß« geworden ist; es sind Skandale, die insbesondere mit reichen und bekannten Persönlichkeiten zu tun haben, die keinerlei wirtschaftlichen Mangel haben. Sie verwenden vielmehr ihre Gaben, die Gott einem jeden von ihnen geschenkt hat, zur Ausschweifung, zur Lustbefriedigung und zum Profit auf Kosten der Anderen, der Mitmenschen, insbesondere der Schwachen, „der geringsten Brüder“  Jesu (vgl. Mt 25,40), zulasten, wie gesagt, des Bildes Gottes, das sie mit Füßen treten und entehren; sie vergessen, wenn sie die Güter des Lebens genießen, wie der Reiche im Gleichnis des Evangeliums, dass sie an jenem furchterregenden Tag, „des Gerichtes über die Erde“ nach seiner untrüglichen Verheissung (vgl. Ps 97, 9 LXX), Rechenschaft ablegen müssen.

 

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Das unersättliche und in die Leidenschaften verstrickte Verlangen des Menschen hat zu einer erbarmungslosen Ausbeutung der Schöpfung geführt und auch die ökologische Krise unserer Zeit und unserer Tage hervorgerufen. Es ist jene Krise, die sich trotz aller internationaler Bemühungen von Staaten und Wissenschaftlern, trotz aller diesbezüglichen Initiativen des Ökumenischen Patriarchats und von uns selbst ganz persönlich, trotz aller materieller Mittel, die auch wir bei allem unserem Mangel dafür eingesetzt haben, ständig verstärkt und zu großen unwiderruflichen Katastrophen führt. Es ist jene Krise, die unsere Umwelt degradiert, unsere Zukunft bedroht, ja auch die Zukunft der kommenden Generationen.

So erweist sich nach Lage der Dinge, dass den Platz der verlorenen Söhne heute die verlorenen Eltern einnehmen. (In der orthodoxen Welt sind wir es gewohnt, vom «zügellosen Sohn» zu sprechen.)  So sind wir es, die zügellos leben, da wir das Erbe unser Kinder verschwenden und vergessen, dass «das Reich Gottes nicht Speise, noch Trank ist, sondern Gerechtigkeit und Enthaltsamkeit zu unserer Heiligung“ (vgl. Doxastikon der Laudes am 5. Fastensonntag). Wir wiederholen: Das Reich Gottes ist Gerechtigkeit. Aber auch das irdische Reich des Menschen muss in Gerechtigkeit gegenüber allen Lebewesen handeln und insbesondere gegenüber dem Mitmenschen, dem Weggefährten, mit dem wir gemeinsam unterwegs sind.

 

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An der ökologischen Krise sind wie bei jeder vom Menschen verursachten Krise natürlich nicht nur einige Menschen schuld oder bestimmte Elemente der Technologie und der Wissenschaft, die unmittelbar mit ihr zu tun haben, sondern alle Menschen in unterschiedlichem Maß. Wir sind alle in gewissen Maß, ein jeder von uns, mitverantwortlich und mitschuldig an der ökologischen Krise. Genau deshalb muss diese Krise auch von einem jeden von uns als Aufforderung zur Selbstkritik und Selbstverbesserung angesehen werden. Diese Auffassung ist fest verwurzelt in unserer Orthodoxen und generell der christlichen Kirche.

Die Orthodoxe Kirche hat, lange schon bevor die vom Menschen verursachte Umweltverschmutzung bewusst wurde, durch den Verfasser eines Hymnus, der aus der Position des die Umwelt verschmutzenden Menschen schreibt, erklärt: «Ich ward (...) der Luft und der Erde und der Gewässer Befleckung. Denn meinen Leib habe ich befleckt. Und die Seele beschmutzte ich und den Verstand. Und durch widervernünftige Werke ward Gott ich zum Feind“ (Oktoichos, Stichiron der Vesper des Montags im 7. Kirchenton).

Die Verschmutzung des Menschen beschränkt sich nicht auf ihn selbst, seine Seele und seinen Leib, sondern geht über auf seine Umwelt, die sein weiter gefasster Leib ist. Gleichzeitig aber spiegelt sich die Verschmutzung der Umwelt im Menschen selbst wieder und hinterlässt Spuren in seiner Seele und in seinem Leib. Es ist nicht möglich, dass der Mensch verschmutzt wird und seine Umgebung unverschmutzt bleibt, eben so, wie es nicht möglich ist, dass die Umwelt verschmutzt wird und der Mensch davon nicht beeinflusst wird. Die natürliche Umwelt ist Schöpfung Gottes. Und ihre Verschmutzung durch den Menschen ist eine Sünde gegen Gott.

Die Menschen vergessen, dass die Umwelt zwar die menschlichen Handlungen passiv trägt, sie lässt sie aber ihre natürlichen Folgen mit der Zeit spüren. Der Mensch, der Geist und Freiheit aufweist, kann und soll seine Handlungen prüfen, auch was die Umwelt betrifft, er soll Maßnahmen gegen die Verschmutzung ergreifen, die er selbst hervorgerufen hat.

 

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Eine ökologische Ethik kann aus orthodoxer Sicht nur auf dem Geist des Menschen basieren, jenem Geist, der die Möglichkeit des menschlichen Herzens, Gott zu erkennen, bedeutet, und den die Kirchenväter mit dem griechischen Wort Nous bezeichnen. An erster Stelle muss dieser Geist gesunden und die rechten Gedanken müssen wiederhergestellt werden. Wenn die Leidenschaften nicht bekämpft werden und die Gedanken nicht gereinigt werden, wenn die Eingriffe und ungerechten Handlungen gegenüber der Natur und dem Bild Gottes, unseren Mitmenschen, und der Schöpfung insgesamt nicht beseitigt werden, kann es keine rechten und freundschaftlichen Beziehungen mit der Umwelt geben. Man kann sich nicht nur den Sinnen oder dem Nutzen verpflichten und gleichzeitig richtig zu den Dingen verhalten. Damit der Mensch die Welt rein und klar sieht und rechte Beziehungen zu seiner Umwelt hat, muss er die Leidenschaften bekämpfen, welche sein Denken verschmutzen und ihn im gegenwärtigen Leben in Abgründe und zu einem sicheren Scheitern im zukünftigen Leben führen.

Natürlich kann man nicht ernsthaft über eine ökologische Ethik sprechen, wenn nicht wirklich eine Anstrengung unternommen wird unseren Geist, unseren Nous, zu reinigen. Solange unser Geist durch von der Leidenschaft geprägte Gedanken verschmutzt ist, kann unsere Umwelt einfach nicht unverschmutzt bleiben. Es ist nicht möglich, dass der Mensch seinen Leidenschaften frönt und sie befriedigt, indem er auf jede Art und Weise seinen Gelüsten dient, ohne um sich herum Schäden und Katastrophen zu verbreiten, die manchmal irreparabel oder schwer zu heilen sind. Der Kampf gegen die Leidenschaften, der im Mittelpunkt der orthodoxen und der christlichen Ethik generell steht, hat eine besondere Bedeutung auch für die ökologische Ethik.

An dieser Stelle könnte man erwidern, dass heute auch die Wirtschaft selbst wie eine von den Leidenschaften geprägte Versuchung wirkt, welche sich gegen die Ökologie richtet und die ökologische, aber auch die ökonomische Krise selbst befördert. Diese Feststellung bedeutet, dass die Aufgabe der Wirtschaftswissenschaftler, der ökonomischen Entscheidungsträger und der Politiker sehr wichtig ist.

So lange nicht der eigentliche Grund der Leidenschaften angegangen wird sondern nur oberflächliche Interventionen und technische Regelungen getroffen werden, welche ihren anthropologischen Hintergrund unberührt lassen, wird sich dieser Zustand ständig verschlimmern. Natürlich herrscht das Böse nur vorübergehend und nützt jenen, die es tun. Letztlich aber hat Gott, der Anfanglose, Unsichtbare, Unbegreifbare, der Unveränderte, der «Ewige und Gleichbleibende», der nicht in Versuchung gerät, «nichts, was schlecht ist», geschaffen.

Der Mensch schafft das Schlechte, deshalb zerstört er sich auch selbst und dies bedeutet womöglich nicht eine vollkommene Katastrophe, aber dennoch eine Enschränkung für das Leben selbst, trotz der Entwicklung der Wissenschaft. Auch hier gilt das Wort des Herrn: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber seine Seele einbüßt?“ (Mk 8,36-37).

 

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Die Schöpfung wurde von Gott geschaffen, damit sich der Mensch an ihr erfreut, damit er das  Lebensnotwendige von ihr erhält, aber auch damit er für sie sorgt. Sie wurde dem Menschen aus Liebe gegeben und bleibt der Ausgangspunkt, das Sprungbrett sozusagen für ihn, um zu seinem Schöpfer zu gelangen. Die orthodoxe Kirche beurteilt die Schöpfung nicht nur nach ihrem Nutzwert. Sie betrachtet sie als Geschenk Gottes und als Medium des menschlichen Dankes an Gott. Die Sorge für die Schöpfung, ihr Schutz, die «Bewahrung der Schöpfung» stellt den Ausdruck unseres Dankes und Lobpreises Gottes dar.

 

Liebe Freunde,

Wir haben also das Recht uns von der Schöpfung zu ernähren, zu bekleiden und alles Lebensnotwendige zu besorgen (denn das meint das Wort Gottes «bearbeiten»), Gleichzeitig haben wir aber die Pflicht und die Aufgabe, sie in einer derartigen Weise genießen, die es der Erde auch in Zukunft gestattet, diese Güter für die kommenden Generationen zu liefern (Das bedeutet das Wort «bewahren»).

Im übrigen hat Gott die Dinge «sehr gut« geschaffen und auf der Erde das ökologische Gleichgewicht und die Harmonie geordnet, die wir nicht durch unbedachte Handlungen stören dürfen, denn die Zerstörung dieses Gleichgewichts schadet uns selbst und unseren Mitmenschen. Und wenn unser Gewissen, dieses unparteiische Kriterium bereits in dieser Welt, es uns nicht gestattet, dem Mitmenschen zu schaden, darf es uns auch keine Handlungen gestatten, welche unmittelbar oder langfristig dem menschlichen Leben selbst schaden, das Gott uns geschenkt hat, damit wir Gutes tun für Ihn, der allein gut ist, damit die Welt das Leben habe.

Dieses Zeugnis und diese Erfahrungen unserer orthodoxen Kirche haben wir Ihnen, liebe Zuhörer, dargelegt und danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, wir rufen auf Sie alle und auf die ganze Schöpfung die Gnade und das unermessliche Erbarmen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes herab, in dem wir leben und uns bewegen und sind. Amen.