Patriarch Bartholomaios ruft zur Bewahrung der Schöpfung auf

Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios hat zum umfassenden Schutz der Umwelt aufgerufen. In seinem Hirtenbrief zum „Tag der Bewahrung der Schöpfung“ (1. September) schreibt der Patriarch, dass die Kirche angesichts der fortschreitenden Umweltzerstörung nicht unberührt und gleichgültig bleiben kann. Zwar seien in den letzten Jahren, auch durch die Bemühungen der Mutterkirche von Konstantinopel, Fortschritte im Bereich des Umweltschutzes gemacht worden, diese seien aber nicht ausreichend. Die Ausbeutung der Schöpfung gründet im Ungehorsam gegenüber Gott, so der Patriarch. Es brauche wieder mehr Respekt der Menschen untereinander, gegenüber den Tieren und allem Leben auf der Welt.

Wörtlich schreibt Patriarch Bartholomaios: „Nur wenn wir von dieser Gesinnung bewogen sind und den Beitrag jedes Tieres und jeder Pflanze zum weltumfassenden Lebenskreislauf würdigen, werden wir durch die göttliche Gnade und nicht durch unvermögende menschliche Gewalt all unsere Umweltprobleme wie von selbst lösen.“

Der Ökumenische Patriarch kündigt für den Juni 2015 eine große Umweltkonferenz in Konstantinopel an. Das Thema der Tagung lautet: „„Theologie, Ökologie und Sprache: Dialog über die Umwelt, die Literatur und die Künste“.

Der Hirtenbrief im Wortlaut:

+ Bartholomaios

durch Gottes Erbarmen Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom,

und Ökumenischer Patriarch dem ganzen Volk der Kirche

Gnade und Friede von dem Schöpfer, Bewahrer und Lenker

der ganzen Schöpfung,

unserem Herrn, Gott und Erlöser Jesus Christus

Brüder und im Herrn gesegnete Kinder,

die gemeinsame Mutter aller orthodoxen Christen, die Kirche Christi, der Leib des ewigen Herrn, des Gottmenschen Jesus Christus, bewirkt in Liebe mittels aller ihrer Handlungen, besonders durch die göttliche Eucharistie, in der er ihrem Schöpfer seine Gaben darbringt, das Mysterium der Erlösung ihrer Kinder. Und sie tut das, indem sie einem jeden ihrer Glieder in demselben Maß wie unser himmlischer Vater die grenzenlose und unterschiedslose Liebe erweist.

Die Kirche, die aller ihrer Kinder stets im Gebet gedenkt, hegt ein lebendiges Interesse und sorgt sich um alles, was sie betrifft und ihr Leben beeinflusst. Darum bleibt sie auch nicht unberührt und gleichgültig angesichts der sich fortsetzenden Zerstörung der natürlichen Umwelt, die, wegen der Unersättlichkeit, der vergeblichen Habsucht und Gewinngier des Menschen täglich fortschreitend, im Prinzip eine Abkehr vom Antlitz des Herrn und demzufolge eine Erschütterung der Schöpfung, eine Zerschlagung ihrer Krone, der menschlichen Existenz, und eine Bedrohung des Fortbestehens des Lebens selbst darstellt.

Das Ökumenische Patriarchat und unsere geringe Person haben schon seit vielen Jahren die Zeichen der Zeit erkannt und in Treue gegenüber der eucharistischen Verpflichtung der orthodoxen Kirche den 1. September jedes Jahres, den Beginn des Kirchenjahres, dem Gebet für die Bewahrung der uns von Gott anvertrauten Schöpfung, der Umwelt, gewidmet. An diesem Tag beugen wir die Knie der Seele und des Herzens und erbitten von Gott, dem Wort, menschenliebend auf seine Schöpfung herabzuschauen und, der Sünden und der Gier der Menschen nicht achtend, „seine Hand zu öffnen und das All mit Güte zu erfüllen“ und den Verderbensweg der Schöpfung aufzuhalten.

Es ist gewiss wahr, dass in den letzten Jahrzehnten auf dem Gebiet des Umweltschutzes durch die fortdauernde Sensibilisierung der öffentlichen Meinung, durch präventive und einschränkende Maßnahmen, durch Konzepte zum nachhaltigen Wirtschaften, durch die Hinwendung zu regenerativen Energien und noch zahllose andere fruchtbare, erwähnenswerte Massnahmen und Handlungen, zu denen auch die

Bemühungen und die Sorge der Mutterkirche von Konstantinopel in Zusammenarbeit mit internationalen ökologischen Instituten und Organisationenen beigetragen haben, bedeutende, wenn auch nicht hinreichende Fortschritte gemacht wurden.

Auch anlässlich der diesjährigen Feier der byzantinischen Indiktion und des Beginns des Neuen Jahres der Gnade des Herrn wenden wir uns an das gesegnete orthodoxe Pleroma und an die ganze Welt und ermahnen alle zu fortgesetzter Wachsamkeit, Sensibilisierung und Konzentration der Kräfte auf die Rückkehr zu einem Zustand, der, wenn er schon nicht der vollkommene eucharistische und doxologische Urstand ist, wenigstens den Duft der Gnade und des Erbarmens des Herrn verströmt.

Die grenzenlose räuberische Ausbeutung der physischen Ressourcen der Schöpfung, die die Hauptursache der Umweltkatastrophe darstellt, ist nach dem Zeugnis der Theologie, der Kunst und der Literatur das Ergebnis des menschlichen Sündenfalls, des Ungehorsams gegenüber dem Gebot des Herrn und der Weigerung, den Willen Gottes zu erfüllen.

Die Kirche schenkt uns das Antidot für die Heilung der ökologischen Wunden, indem sie alle ermahnt, das Bild Gottes in seiner ursprünglichen, prototypischen Schönheit wiederherzustellen. Die Wiederaufrichtung der gefallenen Natur des Menschen durch die Inspiration des Heiligen Geistes und die Teilhabe an seinen Gaben stellt die harmonische Beziehung des Menschen zur Schöpfung, die Gott zu seiner Freude, Wonne und Erquickung, aber auch, um sie zu ihm, dem Schöpfer, aufsteigen zu lassen, erschaffen hat, wieder her.

Die Mutterkirche lädt uns ein, wie der heute gefeierte hl. Symeon d. Säulensteher „in Gottes Wort und in dem lebenschaffenden Geist die ganze Welt zu vollenden“, von den sinnlichen und materiellen Dingen zu den „metaphysischen“ Dingen emporzusteigen und uns den „einfachen, absoluten und mystischen Schauungen der Theologie“ hinzugeben, so dass wir von der Schöpfung zum Schöpfer emporgeführt werden.

Die innewohnende Inspiration des Heiligen Geistes vergöttlicht ihren Teilhaber und vereint zugleich den Menschen mit seiner Umwelt, so dass er sie als Teil seiner selbst empfindet, ohne sich zu Missbrauch und Exzess hinreißen zu lassen.

Die Würdigung und die Ernährung des Menschen seitens der materiellen Schöpfung besteht nicht in ihrer unersättlichen Nutznießung, sondern in seinem Respekt, im gegenseitigen Respekt der Menschen voreinander, des Menschen gegenüber den Tieren, aber auch gegenüber den die „überaus guten“ lebenserhaltenden Früchte spendenden Pflanzen und den allein durch das Wort des Herrn in Weisheit und Harmonie erschaffenen sichtbaren und unsichtbaren Elementen der Natur. Auf diese Weise werden wir Wasser aus dem lebenspendenden Felsen trinken können, werden wir die sichtbare Sonne sehen und zur geistigen Sonne der Gerechtigkeit erhoben werden, zur stofflichen Säule des hl. Vaters Symeon aufblicken und die wahre Säule des Lichtes schauen, die Wasserwolken sehen, um einzugehen in die Wolke des Heiligen Geistes, in die Ruhe, in die als unser Wegbereiter Christus eingegangen ist, um danach zu streben, mit den Erstgeborenen in der Kirche im Himmel verzeichnet zu werden. Nur wenn wir von dieser Gesinnung bewogen sind und den Beitrag jedes Tieres und jeder Pflanze zum weltumfassenden Lebenskreislauf würdigen, werden wir durch die göttliche Gnade und nicht durch unvermögende menschliche Gewalt all unsere Umweltprobleme wie von selbst lösen. Diese Botschaft des Lebens ist eine Botschaft der Verpflichtung, den geistlichen Kampf und das Bemühen fortzusetzen; betend, mahnend, bittend, flehend und die Achtsamkeit aller bezüglich der Notwendigkeit, uns selbst vor dem wegen unserer Manipulation der Schöpfung über sie kommenden Zorn zu schützen, bestärkend.

Die stete einseitige Hinwendung des Menschen zu den irdischen und vergänglichen Dingen ruft die Probleme in der Schöpfung hervor, denn je mehr wir uns der Erde zuwenden, desto weiter entfernen wir uns vom Himmel und von Gott.

Indem die heilige Mutterkirche, die Große Kirche Christi, die selbstgeschuldete und heilsame Verpflichtung zum Schutz der Umwelt und der Fortdauer unseres Lebens auf unserem Planeten in geistlicher und materieller Blüte in der Furcht vor Gott auf sich nimmt und unablässig verfolgt, beabsichtigt sie die Durchführung eines ökologischen Kongresses im kommenden Juni an ihrem Sitz zu dem Thema „Theologie, Ökologie und Sprache: Dialog über die Umwelt, die Literatur und die Künste“. Sein Ziel ist es, ein weltweites Bewusstsein für die besondere moralische Bedeutung und die geistliche Dimension der Umweltkrise und der Rückführung der Umwelt zu ihrer „ursprünglichen Schönheit“, zur Schönheit im Sinne der Natur, der Integrität, der Heiligkeit, der Vollkommenheit zu erwecken, ein Bewusstsein für die Schöpfung in der Gestalt, in der sie aus den Händen ihres Schöpfers, des Wortes Gottes, hervorgegangen ist, um uns zu erfreuen und zu ernähren – dies alles unter besonderer Berücksichtigung der Beziehung der Umwelt zur Kunst und zur Literatur.

Bewahrend „das unverbrüchliche Gedenken der Urteile“ des Herrn bezeugen wir von diesem heiligen Zentrum der ganzen orthodoxen Kirche her des Wortes Wahrheit und lenken die Aufmerksamkeit aller auf die uns drohenden Schrecknisse, vor denen uns die Gnade des Herrn in ihrer menschenliebenden Vorsehung sicher bewahren wird, und rufen alle dazu auf, die uns umgebende Welt zu schützen und durch ihren Schutz zur Quelle des Lebens zu gelangen, auf die Fürbitten unserer Mutter, der über alles heiligen und allseligen Gottesgebärerin, unseres hl. Vaters Symeon d. Säulenstehers und aller Heiligen. Amen.

1. September 2014