Ansprache Seiner Heiligkeit des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios
an Seine Heiligkeit Papst Franziskus I. von Rom

 

 

Eure Heiligkeit,

wir freuen uns aus ganzem Herzen mit Eurer geliebten Heiligkeit im Namen des Herrn der Scharen über Eure gottgegebene Wahl  und die würdige Annahme Eurer neuen hohen Verpflichtungen als Ersthierarch und Vorsitzender der Liebe der ehrwürdigen Kirche von Altrom.

Sie folgen auf dem Thron Ihrem aus Gründen der Gesundheit und der Mühsal des Alters mutig zurückgetretenen Vorgänger Benedikt XVI., der sanftmütig war und sich durch die Theologie und die Liebe ausgezeichnet hat. Die Arbeit und die Verantwortung, die Sie erwarten, sind gewaltig vor Gott und vor den Menschen. Der Einheit der christlichen Kirchen gilt unsere erste Sorge, und sie ist zweifellos eine der grundlegenden Voraussetzungen für die Glaubwürdigkeit unseres christlichen Zeugnisses in den Augen derer, die uns nahe stehen, und derer, die uns fern stehen. Um diese Einheit zur erreichen, bedarf es der Fortsetzung des begonnenen theologischen Dialogs, damit die Wahrheit des Glaubens, die Erfahrung der Heiligen und die Ost und West gemeinsame Überlieferung des ersten christlichen Jahrtausends gemeinsam verstanden werden und wir uns ihnen annähern. Es handelt sich um einen Dialog in Liebe, Wahrheit und Sanftmut, geführt mit den Waffen der Wahrheit.

Die globale Wirtschaftskrise verlangt gebieterisch diejenige Organisation menschlichen Tuns, für das Sie dank Ihres langen und bewährten Dienstes als guter Samariter in Lateinamerika, wo Sie durch Ihren Hirtendienst die menschliche Bedrängnis und das Elend wie gewiss nur wenige kennengelernt haben, eine große Erfahrung besitzen. Die Besitzenden müssen dazu bewogen werden, den Armen freiwillig und bereitwillig zu helfen. Auf diese Weise wird durch die Gerechtigkeit der Friede gesichert, den alle Menschen verlangen und nach dem sich die Völker und Nationen sehnen.

Wir sind verpflichtet, die Hungernden zu ernähren, die Nackten zu bekleiden, die Kranken zu pflegen und allgemein für alle Sorge zu tragen, die in Nöten sind, damit wir von dem Herrn einst hören können: „Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt das Reich in Besitz, das euch bereitet ist“ (Mt 25,34).

Dass Eure geliebte und geehrte Heiligkeit sich für die Einfachheit entschieden hat, zeigte und zeigt, dass Sie das Wesentliche bevorzugen. Das erfüllt die Herzen aller, der Gläubigen in der ganzen Welt und aller Mitmenschen überhaupt, mit Hoffnung; mit der Hoffnung darauf, dass diese Ihre Bevorzugung des Wesentlichen immer breitere Anerkennung finde, so dass die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit, das Schwerere des Gesetzes, für die Kirche eminente Bedeutung erlangen.

Im Verlauf des zweitausendjährigen Lebens der Kirche Christi wurden einige Wahrheiten des Evangeliums von einigen christlichen Gruppen missdeutet, so dass heute in breiten Schichten der christlichen Völker leider ein säkulares Denken herrscht. Wir alle haben dagegen die Pflicht und die Schuldigkeit, uns selbst, einander und alle Menschen daran zu erinnern, dass Gott durch die Menschwerdung Jesu Christi vom Himmel auf die Erde herabgestiegen ist, damit unser Wandel so gelebt werde, als sei er ein Wandel „wie im Himmel“. Fürwahr „Gott ist der Herr und ist uns erschienen“: zunächst als Schöpfer des Alls, der alles durchwaltet, dann als der, der bis in den Tod hinabsteigt, bis in den Tod am Kreuz, um uns durch seine Auferstehung zu zeigen, dass „gesegnet ist, der da kommt im Namen des Herrn“ – und zwar in seinem Namen allein – um dem Volk Gottes zu dienen, auf dass wir alle eins seien und Christus alles in allen sei.

Die Erde ist der Ort unserer Bewährung, der Realisierung unserer Einverleibung in den Leib Christi und unseres Übergangs durch Ihn in das ewige Leben. Die Kirche segnet das irdische Leben, aber sie begrenzt ihre Sendung nicht auf dieses. Das wissen und bekennen wir. Darum gehen wir, Hirten und Gläubige, den Weg der Wahrheit und bewirken das Himmlische durch das Irdische.

Wir sind uns persönlich, als Ökumenisches Patriarchat und als orthodoxe Kirche in der ganzen Welt dessen gewiss, dass Eure verehrte und im Herrn geliebte Heiligkeit, die unter günstigen Vorzeichen ihre historische Laufbahn als Bischof von Rom angetreten ist, ein besonderes Interesse dafür zeigen werde, in Zusammenarbeit mit allen, die die Kraft und den Willen dazu haben, durch die Korrektur der säkularen Bestrebungen dazu beizutragen, dass der Mensch zur „ursprünglichen Schönheit“ der Liebe zurückkehre.

Wir beten aus ganzem Herzen mit allen gläubigen Christen auf der ganzen Welt – und mit Ihnen betet die ganze Menschheit – dass Ihre Heiligkeit in ihrer hohen, verantwortungsvollen und schwierigen Arbeit erfolgreich sei.

Gepriesen und verherrlicht sei unser Herr Jesus Christus! Ehre sei Gott, der uns in jeder Zeit Menschen schenkt, die würdig sind, auf eine ihrer Berufung würdige Weise zu wandeln und die Menschheit zu führen – zur Ehre des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 


Vatikan, 20. März 2013

 

 

 

 

Quelle: http://blog.orthodoxe-parochie.eu/offizielle-verlautbarungen/171-2/